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Medizinisches und Historisches

Synästhesie ist im Leben allgegenwärtig. Darauf weisen schon etliche sprachliche Ausdrucksformen hin, denn von synästhethischen Entsprechungen im Sprachgebrauch dürfte jede(r) schon einmal gehört haben - hier ein paar Beispiele, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Wissenschaftsvideos zum Thema

Dr. Richard E. Cytowic's lecture on synesthesia at The Hirshhorn Museum Visual Music Exhibit
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

Sarah Thomson: nine + purple = cheese
Teil 1
Teil 2

Marc Jaques Mächler: Synaesthesia: Which color is A?
Teil 1
Teil 2
Teil 3

Marc Jaques Mächler: Synaesthesie - Wahrnehmung mit verschmolzenen Sinnen
Complete

abc News, Richard E. Cytowic: Medical Mystery - Seeing Music, Tasting Color. Seeing Life in Colors: Crosswired Senses
Complete

SWR Landesschau, Jasmin Sinha, Claudia Hüfner, Markus Zedler: Synästhesie [April 2006]
Complete

Discovery Channel, Elisabeth Sulser: Extraordinary people - Synaesthetes
Complete

N3 plietsch!, Eckhard Freuwört: Synästhesie [Mai 2006/ Wdh. Juni 2007]
Complete

arte, Eckhard Freuwört, Markus Zedler: Wie klingt Rot? [Juni 2005]
Complete

- brüllende Hitze (Paarung Sound und Temperaturempfinden),
- schreiende Farbe (Paarung Sound und visuelle Wahrnehmung),
- beißende Kälte (Paarung Schmerz und Temperaturempfinden),
- lastende Stille (Paarung Tastsinn und Sound),
- kränkliches Aussehen (Paarung Gefühl und visuelle Wahrnehmung),
- Klangfarbe (Paarung Sound und visuelle Wahrnehmung),
- klirrende Kälte (Paarung Sound und Temperaturempfinden),
- Musikgeschmack (Paarung Sound und Geschmacksempfinden),
- heller Klang (Paarung visuelle Wahrnehmung und Sound),
- fühlendes Auge (Paarung Tastsinn und visuelle Wahrnehmung),
- sehende Hand (Paarung visuelle Wahrnehmung und Tastsinn)
- knallrot (Paarung Sound und visuelle Wahrnehmung),
- quietschgrün (Paarung Sound und visuelle Wahrnehmung),
- stinksauer (Paarung Geruch und Geschmack).

     Das ist eine Liste von festen Redewendungen, die vermutlich noch ziemlich erweitert werden könnte. Diese Redewendungen sind uralt - Indizien dafür, dass die Synästhesie einerseits früher einmal eine größere Verbreitung als heute erfahren haben muss und andererseits dafür, dass es die Synästhesie schon seit Urzeiten gibt.
    Daneben findet sich die Synästhesie aber aktuell auch in der Literatur und im Film. Zu nennen sind hier exemplarisch als Krimi "Der Teufel von Mailand", als Fantasy "Norgast", als SF "Halbsichtigkeit" und "3D-Schock", als Thriller "Die Dunklen" u. a. Insbesondere im englischsprachigen Raum existiert noch ein Großteil an belletristischer Synästhesieliteratur. Daneben hat die Synästhesie bisher auch einmal Eingang in den Film gefunden, und zwar mit dem japanischen Mystery-Krimi "Gimî hebun (Gimme Heaven)". Dieser Film ist allerdings nur in japanischen und US-amerikanischen Kinos aufgeführt worden und in Europa nicht verfügbar.
    Was also ist Synästhesie und woher kommt sie? Hier ein paar Hintergründe in Kurzfassung. Beginnen wir bei Dr. Richard E. Cytowic. In den 1980er Jahren "stolperte" er zufällig über einen Synästheten und fand diese Thematik als Forschungsgegenstand recht interessant - insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass gerade die ersten bildgebenden Verfahren zur Gehirnuntersuchung Marktreife erlangt hatten. Cytowic wies schlüssig und unzweifelhaft nach, dass es sich bei der Synästhesie keineswegs um eine Erkrankung, Wahrnehmungsstörung oder Halluzination handelte. Er publizierte seine Ergebnisse in dem vielbeachteten Buch "The Man Who Tasted Shapes" und stieß damit weitere Forschungen an. Die zeigten bspw., dass Synästhesie schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden in der Literatur erwähnt worden war.
    Einen Meilenstein in der modernen Synästhesieforschung lieferte Simon Baron-Cohen an der University of Cambridge, als er im Jahre 1996 seinen Aufsehen erregenden Aufsatz "Is There a Normal Phase of Synaesthesia in Development?" (PSYCHE, 2[27], June 1996) veröffentlichte. Durch EEG-Reihenuntersuchungen an Säuglingen wurde festgestellt, dass Kinder ihre Umwelt zunächst ganzheitlich wahrnehmen, weil die Sinne im Gehirn nicht modularisiert sind. Die "Entmischung" der fünf Sinne setzt erst ab etwa dem 4. Lebensmonat ein und ist bis ungefähr zum 24. Lebensmonat abgeschlossen. Kleinkinder nehmen folglich ihre Umwelt anders als Erwachsene wahr - nämlich ganzheitlich. Wichtig: Wenn Kinder z. B. darüber sprechen, eine Farbe hören oder ein Geräusch sehen zu können, dann phantasieren sie keineswegs und man sollte ihnen ihre ureigene Wahrnehmung auch keinesfalls auszureden versuchen!
    Man vermutet, dass die Entmischung der Sinne mit dem Abbau nicht mehr erforderlicher neuronaler Verknüpfungen im Gehirn einher geht. Man vermutet ferner, dass dieser Abbau niemals vollständig, sondern nur mehr oder weniger stark erfolgt. Es wird davon ausgegangen, dass der Abbau hirninterner Nervenverbindungen auf ein Enzym zurück zu führen sein könnte und dass die Bildung des erforderlichen Enzyms bei einigen, wenigen Menschen genetisch bedingt gehemmt ist - dies wird in der University of Austin, Texas, seitens Dr. David Eagleman untersucht. Als "zuständiges" Gen hat man inzwischen das Chromosom 16 ausgemacht. Da es sich dabei um ein X-Chromosom handelt, wird so auch der erhöhte Frauenanteil unter den Synästheten erklärbar. Allerdings sind alle diese Erkenntnisse nicht unumstritten (es gibt auch Studien mit gegenteiligen Aussagen) und haben somit den Status von Indizien und Hypothesen.
    Mit anderen Worten: Jeder Mensch wird höchstwahrscheinlich zunächst einmal als Synästhet geboren. Synästhesie ist daher urnatürlich und genau so normal wie rote Haare oder grüne Augen - nur seltener. Und, ganz wichtig: Synästhesie ist in keiner Weise krankhaft! Diese Fähigkeit der ganzheitlichen Wahrnehmung scheint aber bei den meisten Menschen mit dem Ende des zweiten Lebensjahres verloren gegangen zu sein. Tatsächlich jedoch gibt es auch Hinweise darauf, dass sie nur in das Unterbewusstsein abgewandert ist, wie sich anhand des Bouba-Kiki-Effektes zeigen lässt. Der Bouba-Kiki-Effekt belegt, das ein Zusammenhang zwischen dem Sprach- und dem Formempfinden existiert. Die Untersuchung dieses Gebietes ist u. a. Gegenstand der Forschungen von Vilayanur S. Ramachandran, University of California, San Diego, der mit "Synaesthesia - A window into perception, thought and language" dazu erste Resultate im Journal of Consciousness Studies vorlegte.
    Rein spekulativ: Der Bouba-Kiki-Effekt belegt den Zusammenhang zwischen (synästhetischem) Sprach- und Formempfinden. Könnte die Synästhesie dann nicht aber auch eine Rolle bei der Entwicklung der Schriftsprachen gespielt haben? Immerhin ähneln die beim Coloured Hearing wahrgenommenen Gebilde Schriftzeichen aus Sprachen wie Arabisch, Baybayin, Birmanisch, Cree, einigen Runen u. a. Und wäre nicht in diesem Fall tatsächlich eine Codierung, wie sie Ralf Isau in seinem Synästhesie-Thriller "Die Dunklen" beschreibt, prinzipiell möglich? Empfindungen sind Gefühle. Gefühle entstehen im stammesgeschichtlich ältesten Hirnteil, dem "Limbischen System". Man nimmt daher im Rahmen der Hyperbinding-Hypothese an, dass die verschiedenen Hirnareale bei der synästhetischen Wahrnehmung über eine so genannte "limbische Brücke" miteinander verknüpft sind. Bei der unterbewussten Synästhesie sollen nur (noch) einige wenige Querverbindungen existieren. Anders hingegen bei den Personen, die sich ihrer Wahrnehmung bewusst sind und die deswegen als Synästheten bezeichnet werden - also bei den Personen (der Minderheit), deren mögliche Enzymfreisetzung (vielleicht genetisch bedingt) im Kleinkindalter gehemmt worden ist (vgl. oben). Querverbindung
    Der Nachweis der häufigen Synästhesieform des Coloured Hearings ist denkbar einfach. Bei einem Probanden werden die Hirnströme gemessen. Der Proband sitzt mit verbundenen Augen in einem abgedunkelten Raum. Das Sehzentrum ist somit ausgeschaltet und der Versuchsperson werden Töne vorgespielt. Bei Coloured-Hearing-Synnies zeigt das EEG dann nicht nur Aktivitäten im Hörzentrum, sondern auch im Sehzentrum an. Bei Nichtsynästhetikern bleibt das Sehzentrum "stumm". Dieser Versuch ist reproduzierbar und vielfach verifiziert worden, u. a. auch durch verfeinerte Untersuchungsmethoden per fMRI. Das beweist, dass die Synästhesie ein integraler Bestandteil der Wahrnehmung ist und kein "Zuviel" oder irgend etwas "Unnormales Krankhaftes" oder gar "Lästiges".
    Für die Forschungsgruppen um Jeffrey Gray, Semir Zeki, Dominic Ffytche und Eraldo Paulesu ist die Sache klar: Es muss bei Coloured-Hearing-Synästhetikern eine Verbindung zwischen dem Hör- und dem Sehzentrum bestehen (Hyperkonnektivitäts-Hypothese). Die Existenz einer zusätzlichen Vernetzung im Gehirn wäre allerdings auch der Beleg für eine echte Mutation. Aktuell arbeiten Wissenschaftler (bspw. an der ETH Zürich) daher daran, diese Vernetzung mittels bildgebender Verfahren wie z. B. dem DTI (Diffusion Tensor Imaging) - einer Variante der Magnetresonanztomographie - sichtbar zu machen. DTI-Bild Zusätzliche Vernetzungen konnten bislang weder gefunden noch ausgeschlossen werden. Was allerdings gefunden wurde ist etwas anderes, nämlich Unterschiede im Hirnaufbau zwischen Synästheten und Nichtsynästheten. Bei Synästheten ist der Parietallappen - ein Bereich in der seitlichen Hirnmitte - besonders aktiv. Zudem weist jedes Gehirn knapp 2.400 Knotenpunkte auf, die bei Synästheten messbar verdickt sind. D. h. das synästhetische Gehirn ist aufwändiger (stärker) vernetzt als das nichtsynästhetische Gehirn. Diese Ergebnisse scheinen gesichert zu sein, denn sie wurden gleich doppelt, unabhängig voneinander und mit unterschiedlicher Methodik erzielt (nämlich im Rahmen der Forschungen von Prof. Lutz Jäncke an der ETH Zürich sowie im Rahmen der Forschungsgruppe um Prof. Dr. Emrich an der MH Hannover).
    Bei einer echten Mutation (wobei aufgrund einer im Verlauf der Entwicklung wahrscheinlich verloren gegangenen Synästhesie allerdings nicht klar ist, ob eine solche Mutation Synästheten oder Nichtsynästheten betroffen hat) müsste sich ein genetischer Unterschied zwischen Synnies und Nichtsynnies finden lassen. Tatsächlich wurde ein solcher Unterschied bereits nachgewiesen, und zwar durch vergleichende Untersuchungen an Nichtssynästheten und an eineiigen Zwillingen, von denen einer Synästhetiker und einer Nichtsynästhetiker ist (nachzulesen in "Smilek, Daniel, B.A. Moffatt, J. Pasternak, B.N. White, M.J. Dixon, and P.M. Merikle. 2002. 'Synaesthesia: a case study of discordant monozygotic twins.' Neurocase; vol. 8: 338-342."). Diese Studie weist darauf hin, dass bei Nichtsynästhetikern ein bestimmtes Gen (Genlocus D7S820) nicht belegt ist. Personen, bei denen dieser Genbestandteil vorhanden ist, können Synnies sein, müssen es aber nicht zwangsläufig - denn das Gen muss auch eingeschaltet werden. Das würde erklären, warum die Synästhesie familiär gehäuft vorkommt und Generation überspringen kann. Über den "Einschaltmechanismus" ist allerdings nichts bekannt. Diese Studie konnte allerdings mangels Probanden bislang noch nicht verifiziert werden - es gibt eben nicht besonders viele eineiige Zwillinge, von denen nur einer Synästhet ist.
    Wenn die Synästhesie nun aber im stammesgeschichtlich ältesten Hirnteil anzusiedeln ist, dann steht zu erwarten, dass sie im Verlauf der Evolution einen Überlebensvorteil dargestellt hat und sich ergo auch schon im Tiereich finden müsste. Tatsächlich stimmt das auch: Der US-Neurologe und Sprachforscher J. P. Rauschecker publizierte 1996 mit seiner Arbeit "Substitution of visual by auditory inputs in the anterior ectosylvian cortex of the cat" den Nachweis dafür, dass Katzen Synästheten sind. Ausgehend davon kann man nun natürlich fragen, ob nicht die Aktivierung der für die räumliche Verarbeitung zuständigen Hirnzentren bei anderen Tieren (Eulenvögel: Aktivierung durch Gehör, Hunde: Aktivierung durch Geruch, Katzen: Aktivierung durch Gehör und Tastsinn, Fledermäuse und Cetacea: Aktivierung durch Ultra- und Infra-Schall usw.) nicht auch zur Synästhesie hinzu zu rechnen sind. Es scheint auf eine reine Definitionsfrage hinaus zu laufen. Auch müsste man dann fragen, ob nicht die Synästhesie in der frühen Geschichte der Menschheit häufiger vorgekommen ist.
    Tatsächlich gibt es Hinweise darauf. Tatsächlich geht die erste Erwähnung der Synästhesie beim Menschen auf die weit über 3.300 Jahre alte hebräische Fassung der Thora zurück: "When the Ten Commandments were given, all the people saw sounds, and heard images. (Exodus, 20,18; Übersetzung aus dem Hebräischen durch Zvi Rosenstein, Department of Physiology, Medical School, Hebrew University, Jerusalem, Israel)." Später findet sich die Synästhesie vereinzelt in der römischen Dichtung wieder. Möglicherweise lassen sich auch die im Rahmen der Volksmedizin überlieferten Berichte über das Aurasehen (womit im Bereich der Esoterik sehr viel Schindluder getrieben wird) als Synästhesie interpretieren, denn Synnies erfassen die Gefühle anderer mitunter als Farbe und per fMRI wurde nachgewiesen, dass die menschliche Aura im Gehirn des "Empfängers" entsteht (der "Spiegel" berichtete am 20.10.2004 darüber). Im Mittelalter fehlen dann Textstellen, welche die Synästhesie erwähnen. Es gibt allerdings Indizien dafür, dass die den keltischen Heilerinnen - den "Hagias", später auch als "Hexen" diffamiert - entstammende kleine Bevölkerungsgruppe vermehrt zum Sammelpunkt von Menschen mit synästhetischer Wahrnehmung wurde. Die Hagias bestritten ihren Lebensunterhalt durch medizinische Versorgung und erfolgreiche medizinische Versorgung (ohne die eine Hagia nicht hätte überleben können) setzte ein überdurchschnittliches Maß an Einfühlungsvermögen voraus. Etwas, was bei Synästheten im besonderen Maße gegeben ist. Allerdings wurde exakt diese Bevölkerungsgruppe im Zuge der Hexenverbrennungen nahezu ausgerottet, denn alles, was "anders" war, störte - und daran hat sich bis heute leider nur sehr wenig geändert. Jedenfalls "verschwand" die Synästhesie für längere Zeit.
    Die erste neuzeitliche Erwähnung der Synästhesie geht auf etwa 1690 und auf den englischen Philosophen John Locke (1632-1704) zurück. Er berichtete von einem blinden Mann, der nun wisse, was scharlachrot bedeute, denn es sei wie der Klang einer Trompete. Der russische Komponist Alexandr Skrjabin (1872 - 1915) versuchte seine synästhetischen Wahrnehmungen dem Publikum verständlich zu machen, indem er seine Symphonie Prométhée für ein Orchester, einen Chor und ein so genanntes clavier à lumière (Farblichtklavier) schrieb. Das Farblichtklavier sollte Töne in Farben und Formen übersetzen. Trotz technischer Schwierigkeiten wurde das Werk 1915, fünf Wochen nach dem Tod des Komponisten, uraufgeführt - allerdings mit dem Kompromiss, dass die Farben nur auf eine Leinwand über dem Orchester projiziert wurden. Nikola Tesla Das Gedicht Vokale, das der französische Dichter Arthur Rimbaud (1854 - 1891) im Jahre 1871 verfasste, weist ebenfalls auf synästhetische Wahrnehmungen hin, nämlich auf die farbliche Wahrnehmung von Buchstaben (so genannte graphemische Synästhesie), wie die erste Zeile zeigt: "A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau, Vokale." Allerdings ist Rimbauds Synästhesie umstritten, da er Thujon-süchtig war. Ab 1885 veränderte dann ein hochkreativer Synästhet die Welt. Ohne ihn gäbe es heute keine Wechselspannung, keine Fernleitungen für Strom, keine Wasserkraftwerke, keine Lautsprecher, keine Dynamos, keine Elektromotoren, keine Leuchtstoffröhren, keine Funkübertragung usw. Sein Name: Nikola Tesla.
    Für sehr lange Zeit wurde die Synästhesie danach nur als Kuriosum im Elfenbeinturm der Wissenschaften angesehen - nichts, was der genaueren Untersuchung wert gewesen wäre. Die Nazis betrachteten Synästhesie gar als Geisteskrankheit und dogmatisierten damit ein aus Unwissen und Unverständnis entstandenes, durch nichts zu begründendes Vorurteil, welches bei uninformierten Zeitgenossen leider auch heute noch Bestand hat und zur krassen Ablehnung von Synästheten mit beiträgt - ohne dass sich besagte Personen darüber im Klaren sind, überholtem, braunem Gedankengut anzuhängen. Erst in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts machten danach international prominente Synästheten wie bspw. Richard Feynman (Quantenphysiker, Nobelpreisträger, Miterfinder der Atombombe, 1918 - 1988) oder Jimi Hendrix (Gitarrist, 1942 - 1970) oder Robert Cailliau (neben Tim Berners-Lee Miterfinder des WWW, oder, anders gesagt: Ohne Synästheten kein Internet) von sich Reden. Doch das führte lediglich dazu, dass die Synästhesie - gegen den erbitterten Widerstand Deutschlands - aus dem internationalen Verzeichnis von Krankheiten (ICD-10) heraus genommen wurde.
    Nur in der Schweiz sah man die Synästhesie (seinerzeit noch als "Crossmodality" bezeichnet) vereinzelt als Forschungsgegenstand von Außenseitern an. Das änderte sich beinahe schlagartig im Jahre 1989, als der US-Neurologe Dr. Richard E. Cytowic von der George Washington University, Washington D.C., seinen Report "Synesthesia: A Union of the Senses" und in Folge 1993 sein Buch "The Man Who Tasted Shapes" heraus brachte. fMRI Cytowic hatte sich seit 1980 mehr oder weniger intensiv mit der Synästhesie befasst, doch erst die Begegnung mit einem Synästheten und die Idee, synästhetische Wahrnehmung einmal mit bildgebenden Verfahren wie fMRI (funktionelle Kernspintomografie) oder PET (Positronen-Emissions-Tomografie) zu untersuchen, brachten den Durchbruch. Es zeigte sich nämlich, dass bei der Synästhesie tatsächlich andere Hirnareale aktiviert werden und keinesfalls etwa Halluzinationen - wie von den Nazis früher angenommen - vorliegen. Das war der Beweis dafür, dass es sich bei Synästhesie nicht um eine Erkrankung handelt. Da jetzt auch Bilder aus dem lebenden Gehirn zur Verfügung standen, ging das Thema Synästhesie durch die Medien - allen voran durch das Fernsehen - und entfachte ein neues, reges Interesse, so dass es heute weltweit mehrere Forschungsgruppen zu dem Thema gibt.
    Das hindert gewisse Kreise jedoch nicht daran, am überholten Vorurteil von Synästhesie als Krankheit festzuhalten und die Synästhesie nachweislich falsch darzustellen. Krankheit jedoch setzt per Definition eine beeinträchtigende Funktionsstörung eines Organs oder der Psyche voraus. Die Synästhesie ist nichts davon; im Gegenteil: Sie ist eine Bereicherung, eine Gabe! Betrachtet man die historische Entwicklung der Synästhesie, dann fällt etwas Bemerkenswertes auf. In Vorzeiten muss die Synästhesie verbreiteter als heute gewesen sein. Sie nahm ab. Dann erfolgten einzelne Berücksichtigungen. Sie nahmen zu. Die Schätzungen zur Häufigkeit von bewusster Synästhesie (Stichwort Mutation, s. o.) sind im Verlauf der letzten Jahre immer und immer wieder korrigiert worden. Von 1:2.000.000 auf 1:25.000. Von 1:25.000 auf 1:2.000. Von 1:2.000 auf 1:200. Einige Fachleute sprechen inzwischen sogar schon von 1:10, was allerdings auf eine Frage der Definition ("Was ist noch nicht bewusste Synästhesie und was zählt schon dazu?") zurück zu führen ist. Allgemein geht man inzwischen wohl von 1:300 aus. Informationsverarbeitung
    Natürlich werden die modernen Kommunikationsmittel - allen voran das Internet - ihren Anteil an dieser neuzeitlichen Häufung haben. Die sich ihrer Wahrnehmung bewussten Synästheten finden einfacher zueinander. Aber die verbesserte Kommunikation allein vermag die Häufung nur schwerlich zu erklären, so dass davon auszugehen ist, dass die Synästhesie inzwischen wirklich häufiger vorkommt. Warum? Der Mensch nimmt etwa 10^9 bit/s über seine Sinne auf, verarbeitet aber bewusst nur 10^2 bit/s und gibt im Rahmen von Mimik, Sprache, Bewegung usw. 10^7 bit/s ab. Das menschliche Gehirn kann wegen der statischen Beschränkungen durch die Hirnschale und durch die Wirbelsäule kaum noch weiter wachsen. Sein "Knochengefängnis" schränkt die Evolution ein. Auch hinsichtlich der Großhirnfaltungen ist ein baldiges Ende absehbar. Die einzige Möglichkeit der Leistungssteigerung besteht daher in einer verstärkten Quervernetzung von neuronalen Zellen untereinander. Und ein leistungsfähigeres Gehirn ist angesichts der aktuellen Informationsgesellschaft unabdingbar. Synästhesie ist folglich nach dieser Theorie ein Evolutionssprung - aber nichts wirklich Neues, sondern nur das Reaktivieren uralten Erbgutes. Richard E. Cytowic bezeichnet in diesem Zusammenhang die Synästheten auch als (im positiven Sinne gemeint) "kognitive Fossilien".
    Und welche Arten der Synästhesie gibt es? Aufgrund der prognostizierten Koppelung verschiedener Hirnareale über das Limbische System ist eine schier unübersehbare Anzahl der verschiedensten Kombinationen möglich. So werden z. B. die sg. "Chills" - wenn man sich also bspw. am Bauch kratzt und es dadurch im Nacken piekst - inzwischen auch zur Synästhesie hinzu gerechnet, was interessante Berührungspunkte mit Akupunktur und Akupressur eröffnet. Die häufigsten Synästhesieformen aber sind das Sehen von Geräuschen und Tönen (Coloured Hearing bzw. Audition Colorée) und das farbige Sehen schwarzweißer Buchstaben und Ziffern (Graphemische Synästhesie). Formelsehen Auch das "Formelsehen" gehört dazu. Es beschreibt die Wahrnehmung einer Gleichung oder eines Gleichungssystems als (fraktale) Grafik vor dem inneren Auge. Man muss die Formel nicht verstanden haben, um zu sehen, wo sie Gültigkeit besitzt und wo nicht. Prominentes Beispiel eines Formelsehers ist der (verstorbene) Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman, der auf dieser Basis die zu seinem Nobelpreis führende "Pfadintegralmethode" in der Quantenphysik entwickelte. OLP - "ordinal linguistic personification": Bei dieser Synästhesieform - die in der University of Edinburgh untersucht wird - empfindet der Synästhet bestimmte Buchstaben oder Ziffern wie eine Persönlichkeit mit allen Persönlichkeitsmerkmalen. So kann bspw. durchaus eine Aversion, eine persönliche Abneigung gegen eine "8" oder gegen ein "E" usw. vorliegen. Nach internen Informationen ist diese Synästhesieform gar nicht mal selten und betrifft gut ein Prozent der Bevölkerung. Schulkinder haben naturgemäß die meisten Probleme damit.
    Die Auflistung der tatsächlichen Möglichkeiten würde jeden Rahmen sprengen. Auffällig sind aber zwei Gegebenheiten: Einerseits verfügen Synästheten i. d. R. nicht nur über eine einzige Synästhesieform, sondern über deren mehrere, allerdings in verschieden starker Ausprägung. Und andererseits kann es durchaus vorkommen, dass sich die Synästhesie im Verlauf des Lebens an einem bestimmten Punkt verändert. Dieser Punkt ist die Pubertät. In der Pubertät wird das Gehirn umorganisiert. Das hat zur Folge, dass bisherige Synästhesieformen in den Hinter- und neue Formen in den Vordergrund treten können.
    Daneben ist noch interessant, dass Synästheten oftmals hochbegabt (HB) oder/und hochsensibel (HSP) sind, zur Linkshändigkeit tendieren und dass ein Großteil der Synästhetiker unter Migräne zu leiden hat. Die Forschungsgruppe um Prof. Weiss-Blankenhorn am FZ Jülich hat in einer (umstrittenen) Studie ermittelt, dass der Durschnitts-IQ von Synästheten bei 117 liegt, während er bei Nichtsynästheten den Wert von 100 annimmt. Ein etwaiger Zusammenhang zwischen Synästhesie und Migräne wird seitens der University of St. Andrews noch untersucht. Parallelen zu dem lt. Schmerzklinik Kiel (Prof. Göbel) "ständig unter Dampf" stehenden Gehirnen von Migränikern sowie zu der lt. ETH Zürich aufwändigeren Vernetzung (vgl. oben) drängen sich dabei ganz von selbst auf.
    Für alle genannten Merkmale werden einander ähnliche Genorte ins Gespräch gebracht. Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass Synästheten oftmals eine hohe Affinität zu außersinnlichen bzw. paranormalen Wahrnehmungen aufweisen (auch wenn man darüber normalerweise nicht spricht). Dies hat sogar Eingang in die medizinische Fachliteratur (vgl. "Emrich, Schneider, Zedler: Welche Farbe hat der Montag?", S. 61) gefunden (Zitat): "So zeigen einige dieser Probanden eine erhöhte Medialität, also eine Neigung zum Übersinnlichen ... Diese Hellsichtigkeit ist den Probanden häufig allerdings etwas unheimlich und sie machen eher ungern Gebrauch davon." Abschließend seien - quasi als Denkanstoß - noch zwei bemerkenswerte Zitate von Synästhesieforschern angeführt:

Also was wir bei den Synästhetikern möglicherweise als störend oder überflüssig empfinden, hat für sie häufig eine Wahrnehmungsfunktion, die uns versagt bleibt. Deshalb kann ich es verstehen, dass viele Synästhetiker ihre Welt als reicher empfinden und da müssen wir als Nichtsynästhetiker konstatieren: Das ist uns versagt.
(Zitat Prof. Klaus-Ernst Behne in dem Film "Synästhesie")

Das heißt, es mag durchaus sein, dass in einem bestimmten evolutionsbiologischen Bereich Synästhesie schon einmal eine Rolle gespielt hat. Sie wurde dann verlassen, weil es wichtiger war, erstmal die Sinneskanäle zu trennen und nun in einer höheren Stufe, wo diese Trennungen erfolgt sind, können wiederum Zusammenfügungen - man nennt das in der Neurobiologie intermodale Integration - zusätzliche neue mentale Räume erschließen.
(Zitat Prof. Dr. Dr. Hinderk M. Emrich in dem Film "Synästhesie")





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