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Vor- und Nachteile

Manchmal hängt die Sicht der Dinge ...
Verrückte Lattenkiste  (Foto Dr. Cochran)
... einzig von der Perspektive ab!
Oder von der Art der Wahrnehmung?


Ich werde häufig gefragt, welche Vor- und Nachteile die Synästhesie hat. Nichtsynästheten sehen in dieser Gabe der Natur zunächst einmal nur Nachteile; das impliziert allein schon die permanent autretende Fragestellung "Wann hast du zum ersten Mal bemerkt, dass du Synästhesie hast?" Auf so etwas antworte ich für gewöhnlich immer mit der Gegenfrage: "Wann hast du zum ersten Mal bemerkt, dass du Hören oder Sehen kannst?" Exakt genau so verhält es sich nämlich mit der Synästhesie. Nur stellt man als Synästhet dann irgendwann mal schmerzlich fest, dass anderen Menschen diese ureigene Form der Wahrnehmung versagt ist. Ja, nicht nur das, sondern dass die Synästhesie darüber hinaus aus welchen Gründen auch immer zumeist abgelehnt wird. Und damit beginnt ein (manchmal lebenslanges) Versteckspiel. Dieses Verheimlichen kostet sehr viel Kraft, die anderweitig sehr viel besser eingesetzt werden könnte.
     Eine mir bekannte Synästhetin hat einmal einen sehr schönen Vergleich zum Coloured Hearing gebracht. Diese Synästhesieform ähnelt im übertragenen Sinne dem Blick durch eine Fensterscheibe, auf der eine Fliege sitzt. Man kann den Blick auf die Fliege fokussieren. Dann wird alles hinter der Scheibe unscharf. Oder man fokussiert den Blick auf die Landschaft hinter der Scheibe. Dann wird die Fliege unscharf. Das bedeutet: Der Nichtsynästhet "sieht" nur die Landschaft. Der Synästhet hat eine voll integrierte, zusätzliche Informationsebene zur Verfügung und "blendet" instinktiv zwischen diesen beiden Ebenen hin und her, hier zwischen Fliege und Landschaft. Er sieht dadurch nahezu zeitgleich beides scharf. Er erhält also ein "Mehr" an Informationen. Und das muss verarbeitet werden. Verarbeitung benötigt Zeit. Damit sind wir bei den Vor- und Nachteilen der Synästhesie.
     Wenn ein Nichtsynästhet in einem Reaktionstest hervorragend abschneidet, dann geschieht es mitunter, dass der Synästhet im Vergleich dazu wie eine scheintote Schnecke im Koma wirkt. Umgekehrt aber erreicht der gleiche Synästhet bei einem multiplen Reaktionstest - wenn also auf viele simultan dargebotene Reize in adäquater Form zu reagieren ist - Spitzenwerte, während der Nichtsynästhet aufgrund von Überforderung versagt. Der Synästhetiker ist das Reagieren auf mehrere Reize von jeher gewöhnt. Es liegt in seiner Natur. Beim Nichtsynästhetiker ist das anders. Deswegen sagt man Synästheten auch Multitaskingfähigkeiten nach. Das kann von Vorteil sein. Oder auch von Nachteil - je nach Situation. Wenn viele Optionen gleichzeitig zu beachten sind, dann bezieht der Synästhet die normalerweile alle in seine Entscheidungsfindung mit ein. Er kommt dann häufig zu ganz anderen Lösungen als der Nichtsynästhetiker, der sich aufgrund von mentaler Überforderung nur auf wenige Punkte beschränkt bzw. beschränken muss. Diese eher außergewöhnlichen Lösungen sind nicht selten überraschend. Daher sagt man Synästheten ein erhöhtes Maß an Kreativität nach. Namen bekannter Synnies wie z. B. Blixa Bargeld (Leadsänger der "Einstürzenden Neubauten"), Leonardo da Vinci, David Hockney, Emil Nolde, Eddie van Halen, Stevie Wonder, Johann Wolfgang von Goethe, Nikola Tesla u. a. scheinen das zu bestätigen. Auf der anderen Seite aber tendieren Synnies dazu, Reizüberflutungen (Kaufrausch und Konsumterror, Menschenmassen etc.) zu vermeiden.
     In diesem Zusammenhang bewahrheitet sich der alte Satz von Albert Einstein (Zitat): "Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind." Unser Denken und damit die Sichtweise der Welt um uns herum ist durch die Auswertung der Wahrnehmungen im Gehirn geprägt. Die Auswertung unterscheidet sich zwischen Synästheten und Nichtsynästheten. Damit aber unterscheidet sich auch die Denkweise und die Art der Problemlösung. Sind unerwartete Lösungen nun von Vor- oder Nachteil? Es kommt auf die Gegebenheiten, auf die Situation an. Ich persönlich würde Kreativität und gut entwickeltes Problemlösungsvermögen eher als Vorteil betrachten.
     Gleichfalls als Vorteil sehe ich Gedächtnisleistungen an. Man findet unter den Synästheten häufiger Menschen mit eidetischem (fotografischem) Gedächtnis. Allerdings sind längst nicht alle Synästheten auch Eidetiker. Dennoch ist ihr Erinnerungsvermögen oftmals dem von Nichtsynästheten in verblüffender Weise überlegen. Warum? Die Antwort auf diese Frage lautet, dass der Synästhet in einer Welt lebt, die bunt ist, die aus bunten Farben und Formen besteht. Beim Coloured Hearing hat jeder Ton eine Form und eine Farbe. Beides - Form und Farbe - können quasi als "Trigger" mit Erinnerungen gekoppelt werden. Das erneute Auftreten des Triggers ruft dann die vergangene Situation vollkommen realistisch wieder ins Gedächtnis zurück: Inklusive jedes Geräusches, jedes Bildes, jedes Geruchs oder Geschmacks, jedes Gefühls. Man "durchlebt" die vergangene Situation ein weiteres Mal und dabei ist jedes noch so unscheinbare Detail präsent. Das kann durchaus von Vorteil sein: Man muss nicht so oft seine Auto- oder Hausschlüssel suchen. Oder die Brille oder den Kugelschreiber. Das kann aber auch von Nachteil sein, wenn ein Vorgesetzter sich nur höchst ungern an ein von ihm gemachtes Versprechen erinnern lässt. Oder wenn es sich um ein traumatisches Erlebnis handelt.
     Das Empfinden und damit auch das Verhalten eines Menschen ist von seiner Wahrnehmung geprägt. Synästheten bilden dabei meist einen "ruhigen Pol". Prof. Emrich schreibt dazu in "Welche Farbe hat der Montag?" auf S. 61 (Zitat): "An diesen Menschen fällt eine eigentümliche Form von Angstfreiheit, psychischer Stabilität und innerer Geborgenheit auf. Es geht eine innere Ruhe von ihnen aus, die für eine Art fundamentaler innerer Geborgenheit im Selbst spricht - ein Fehlen von Hektik, eine Form von Stabilität, die auch dazu führt, dass diese Menschen nicht unerreichbaren Zielen nachjagen, sondern im erreichten Areal ihres Lebens glücklich sind." Er führt dann weiter aus, dass er Synästhesie als Lebensform betrachtet, die dem Leben neue Bedeutungsgehalte jenseits des Alltags zumisst. Das aber bedeutet letztlich nichts anderes als das Ausleben der eigenen Individualität. Das mag für den Synästheten von Vorteil sein, führt allerdings beinahe zwangsläufig auch zum Anecken. Denn wer sich selbst seine Meinung bildet, der ist ein Querdenker und Querdenker werden als unbequem betrachtet: Ein Nachteil? Und sind Menschen, die lieber der "Motor im Hintergrund" bleiben, als "ganz normale Karrieregeilheit" an den Tag zu legen, nicht geradezu gefährlich?
     Betrachten wir hinsichtlich der Vor- und Nachteile einmal ganz konkret den Fall der graphemischen Synästhesie. Ziffern, Wörter und Buchstaben erscheinen graphemischen Synästheten vor dem inneren Auge farbig; im Einzelfall kann sogar mit den Farben gerechnet werden. Auch Codierungen sind möglich. Dazu mal ein kleines Rätsel.

  • Links finden sich die Begriffe graphemisch-synästhetisch dargestellt und rechts die zugehörigen Symbolfarben.
  • Jedes Symbol hat (wie sich das gehört) seine individuelle, aber in allen Reihen auch gleichbleibende Farbe.
  • Die Sprache ist Deutsch.
  • Das Ganze hat etwas mit Zeit zu tun.
  • Umlaute sind auch echte Umlaute und nicht umschrieben, d. h. sie haben eigene Farben.
  • Der Einfachheit halber wird nur Großschrift verwendet.
  • Das Rätsel beginnt nicht am Anfang.
  • J, L und R haben für mich die gleiche Farbe.
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     Eigentlich ganz simpel, nicht wahr? Früher in der Schule verwendete ich gerne bunt verzierte Etuis, was angesichts der Hippiezeit sowieso nicht auffiel und dem Zeitgeist entsprach. Nicht eine einizige Lehrkraft hat den synästhetischen Code des Spickers erkannt, obwohl sie das Ding doch alle unmittelbar vor Augen hatten ... Auch das kann durchaus ein Vorteil sein Testkarte (Schema: "Es ist die Pflicht des Pädagogen, den Schüler für den Täuschungsversuch zu bestrafen - es ist aber auch die Pflicht des Schülers, sich beim Mogeln nicht erwischen zu lassen!"). Synästhesie kann - was von Vorteil ist - durchaus ein Ordnungskriterium sein. Dazu ein Beispiel. Für den Nichtsynästheten zeigt die nebenstethende Testkarte nur ein Durcheinander an vermeintlich gleichen Ziffern - schwarz auf weiß. Was der graphemische Synästhetiker sieht, erkennt man, wenn man mit dem Mauszeiger über das Bild fährt. Für einen graphemischen Synästhetiker ist es daher schon auf den ersten Blick offensichtlich, dass hier unterschiedliche Ziffern vorhanden und dass darüber hinaus einige davon (nämlich die Zweien) auch noch geometrisch angeordnet sind (nämlich als Pyramide). Insofern ist die graphemische Synästhesie durchaus erst einmal als ein sehr bemerkenswertes Ordnungskriterium zu verstehen - liefert sie der entsprechend begabten Person doch einen Erkenntnis- bzw. Zeitvorteil. Doch es gibt auch gravierende Nachteile.
Karikatur      Ein bekannter Nachteil der graphemischen Synästhesie ist das so genannte "Falschfarbenproblem". Was bedeutet das? Das bedeutet, dass wir von Schrift, Symbolen und Zeichen umgeben sind. Kinder lernen Noten, Rechnen, Lesen und Schreiben in der Grundschule: Symbole und Zeichen. Nur liegen die immer in bestimmten Farben vor. Ein Synästhetiker, bei dem die tatsächliche Farbe des Zeichens und die wahrgenommene Farbe differieren, ist gezwungen, einen immerwährenden Korrekturprozess im Kopf mitlaufen zu lassen. Dies geht zu Lasten der Konzentration, es kostet Energie, es macht langsam, es behindert das Lernen, es nervt schlichtweg unendlich. Dadurch schleichen sich schnell Fehler ein. Wenn man sich jetzt noch vorstellt, dass das Falschfarbenproblem tagein, tagaus jedes Symbol, jedes Zeichen betrifft, dann erhält man eine Ahnung von dem, was ein graphemischer Synnie an "Korrekturarbeit" leisten muss. Graphemische Synästheten haben hier nur drei Möglichkeiten zur Auswahl: Erstens, sie verdrängen das Problem, lernen damit zu leben und führen die Korrektur mehr oder weniger automatisch unterbewusst durch. Das funktioniert, ich mache das selbst. Zweitens, sie leben die Farbänderungen aus. Es gibt unter den Synnies überdurchschnittlich viele Künstler und auch wahre Rechen-Lese-Schreib-Genies. Drittens, sie scheitern daran und drehen ab. Ich habe solche bedauernswerten Leute kennen gelernt; sie nehmen lt. eigener Aussage alles nur noch vorwiegend schwarz-weiß wahr. Vermutlich aber ist das auch so eine Art von Verdrängung, nur eben von psychisch belastender Natur.
     Erwachsene lernen i. d. R. irgendwann, mit dem Falschfarbenproblem der graphemischen Synästhesie umzugehen. Am schlimmsten betroffen jedoch sind Kinder, das muss hier ganz klar heraus gestellt werden. Es fängt schon beim Zählen an: "Eins, Zwei, Drei, Grün." Das Kind kennt die Bedeutung der Symbole noch nicht; es sagt, was es wahrnimmt. Die Nichtsynnie-Mehrheit vermag das nicht nachzuvollziehen und kommt zu dem Schluss: "Das Kind verweigert sich." Dem ist aber nicht so. Buchstaben, welche seitens der Pädagogen in einer bestimmten Farbe aufzuschreiben sind. Zahlen ebenso. Korrekturarbeit, welche zusätzlich zu leisten ist und welche das Kind zwangsläufig langsamer macht. Vor allem aber Korrekturarbeit, welche der Nichtsynnie nicht einmal erahnt! Das Kind ist deswegen aber nicht weniger intelligent als die anderen (meist sogar ganz im Gegenteil)! Das graphemisch-synästhetisch begabte Kind kann daraus zwar manchmal einen Vorteil ziehen, hat im Normalfall jedoch Probleme, welche als Dyskalkulie oder als Legasthenie missgedeutet werden. In Folge kommt es zur Unterforderung und darum erst zur Verweigerung! Das mündet schließlich in schlechten Zensuren und verbaut den weiteren Lebensweg.
     Womit ich beim Hauptproblem, beim größten Nachteil der Synästhesie, angelangt bin. Nur hat dieser Nachteil mit der Synästhesie an sich gar nichts mehr zu tun. Sehr wohl aber mit der mangelnden Information und Akzeptanz dieser völlig natürlichen Fähigkeit. Bleibt das Falschfarbenproblem im Schulunterricht unberücksichtigt, dann kann es dazu führen, dass bestimmte Lerninhalte gar nicht erst aufgenommen werden. Dies betrifft besonders das Notenlernen im Musikunterricht. Ein Großteil der Synästhetiker ist sehr musikalisch. Die meisten Synnies verfügen über mehrere Synästhesiearten; am häufigsten treten graphemische Synästhesie und Coloured Hearing auf. Sehr viele von uns können ob dieser Kombination keine Noten lesen. Der Grund ist höchst einfach: Der "schwarze Fliegendreck" auf liniertem Papier hat mit den Farben und Formen der Töne nicht das Geringste zu tun. Und "Disziplinierungsversuche" seitens der Pädagogen über die Zensuren erweisen sich zwangsläufig als völlig daneben!
     Wie auf dem Symposium zur Synästhesie vom Dezember '08 in der Medizinischen Hochschule Hannover von Dr. Julia Simner zu erfahren war, hat die University of Edinburgh jahrelang den Lernfortschritt von über 600 Schülern - darunter auch acht Synästheten - überwacht. Es zeigte sich, dass die Synnies zwar intelligenter als ihre Mitschüler waren, aufgrund des Falschfarbenproblems aber mehr Konzentration aufbringen mussten, dadurch langsamer wurden und somit auch schlechtere Zensuren erhielten. Das muss nicht sein - Pädagogen haben hier die Möglichkeit, regulierend einzugreifen. Aber dazu muss die Information über eine so natürliche Gabe wie die Synästhesie erst einmal zum Allgemeingut werden.
     "Das darfst Du nicht. Das bildest Du Dir nur ein. Sprich vernünftig. Du bist doch kein Baby mehr." Solche und ähnliche Sprüche bekommen Kinder von Erwachsenen ständig zu hören. Aber ist das, was Erwachsene als überschäumende Phantasie bezeichnen, wirklich Einbildung? Oder ist es nur eine abweichende Art der Wahrnehmung? Jedes Kind ist zunächst einmal Synästhet. Bei den meisten der Kinder geht diese Fähigkeit verloren bzw. gleitet ins Unterbewusstsein ab. Aber nicht bei allen - und das sind dann die genuinen Synästheten. Sie werden von Nichtsynästheten zur Anpassung gezwungen. Oder, anders ausgedrückt: Sie werden dazu genötigt, eine ihrer völlig natürlichen Wahrnehmungen komplett auszublenden, weil andere so etwas nicht kennen. Man könnte das durchaus als "psychische Lobotomie" bezeichnen und eine Gesellschaft, die so etwas zulässt, bringt sich möglicherweise selbst um ihre besten Kräfte.
     Synästhetiker sind normalerweise hochmotivierte und hochintelligente, allseits interessierte und sehr genau vorgehende Allrounder. In der Regel allerdings halten sie ihre Fähigkeiten geheim - sie "verstecken" sich. Warum wohl? Es gibt einen ganz profanen Grund dafür, warum Synästhetiker das Rampenlicht meiden. Man stelle sich einmal vor, man wäre der/die Einzige, der/die sehen kann. Und man müsste nur mit Blinden zusammen arbeiten, wobei alle Arbeitsmittel ausschließlich auf die Blinden ausgerichtet sind: Unterlagen in Blindenschrift, Braille-Zeile anstelle des Bildschirms usw. OK, das Wissen, wie man mit so etwas umgeht, kann man sich natürlich aneignen. Aber man weißt auch: Es gibt gedruckte Informationen, Kartenmaterial, Bildschirme ... - für die eigene Wahrnehmung viel geeigneter, doch damit können die anderen nichts anfangen. Es erscheint einem deswegen alles zu langsam, zu umständlich - und schnell langweilt man sich. Es ginge wirklich alles einfacher und effizienter, wenn man seine eigenen Wahrnehmungen umsetzen dürfte. Wie aber reagieren wohl die anderen, wenn man nach so etwas verlangt? Man würde belehrt werden, dass man sich gefälligst anzupassen und auf die anderen einzustellen hat. Tut man nicht, wird einem soziales Unvermögen vorgeworfen. Unter den Blinden ist der Einäugige eben nicht König! Synnies sind in einer vergleichbaren Situation. Sie richten sich nach der Nichtsynnie-Mehrheit. Sie versuchen sich anzupassen - was mitunter bis hin zur Selbstverleugnung geht. Nur nicht auffallen!
     Folglich werden synästhetisch begabte Kinder über Gebühr mit vermeidbaren Problemen konfrontiert. Mit Problemen, die ihr zukünftiges Leben und Verhalten durchaus negativ zu beeinflussen vermögen. Ich habe selbst eine Synästhetikerin kennen gelernt, die vom deutschen Schulsystem aufgrund von schlechten Zensuren auf eine Sonderschule abgeschoben worden ist. Besagte Synästhetikerin hat im Verlauf ihres Berufslebens Haupt- und Realschulabschluss nachgeholt und drei Berufe erlernt. Heute ist sie Mitglied von HighIQ - d. h. diese "Sonderschülerin" verfügt über eine Intelligenz, die höher als bei 99,9% der allgemeinen Bevölkerung ist. Doch aufgrund der schulischen Anstrengungen in ihrer Freizeit gingen auch zwei Ehen von ihr in die Brüche. Aber: Die Mehrzahl der uninformierten Nichtsynästhetiker (Schüler wie Lehrer) ignoriert die Synästhesie, ja lehnt sie sogar ab.
     In Kindergarten und Schule kommt es in Folge davon zur Synästhesieunterdrückung mit z. T. gravierenden Nachteilen für die betreffenden Kinder. Eine Synästhetikerin beschrieb das einmal so: "Insgesamt war alles nicht richtig und ich war ständig unsicher. Ich glaube, dass mit der Unterdrückung der Synästhesie meine ganze visuelle Verarbeitung kaputt gegangen ist. Ich erinnere mich, dass ich im ersten Schuljahr noch zeichnen konnte, danach war nichts mehr. Heute kann ich mich an Bilder, Gesichter etc. sehr schwer erinnern, ich muss alles mehrmals gesehen haben. Wenn ich zum ersten Mal irgendwohin fahre, dann erscheint mir die Gegend auf dem Rückweg völlig unbekannt." Diese Aussage zeigt eindringlich, was der auf Nichtsynnies ausgerichtete "Fließbandunterricht" bei Synästheten bewirkt. Nicht etwa ihr Potenzial wird gefördert, sondern stattdessen sogar kaputt gemacht - Verunsicherung, Gedächtnisprobleme, Wegfallen des kreativen Vermögens, gestörter Orientierungssinn.
     Deshalb sollte man dieses Problem auf verschiedene Weise angehen. Man sollte schon mit dem Kindergarten anfangen und in der Schule, später in der Ausbildung, weiter machen. Die Erzieher(innen), Lehrer und Ausbilder müssen über Synästhesie schon im Rahmen ihrer Aus- und Fortbildung informiert werden. Leider ist das Wunschdenken. Ich kann daher nur an alle diejenigen, welche diese Seite lesen und gleichzeitig in Ausbildungsfragen involviert sind, appelieren: Wenn Ihr Euren Beruf ernst nehmt und wenn Euch die Kinder wirklich am Herzen liegen, dann achtet auf bestimmte Auffälligkeiten! Es geht bei den Auffälligkeiten nicht um zeitlich begrenzte Einzelfälle, sondern um mehrere simultane, ständige Verhaltensauffälligkeiten. Hier sind einige davon:

- Zählweise "1, 2, 3, 4, Blau" o. ä.
- Weglassen spezifischer Buchstaben (z. B. großes "A") oder Ersetzen des Buchstabens durch eine Farbe.
- Langsamkeit aufgrund des Falschfarbenproblems, möglicherweise Dyskalkulie, speziell aber bei Diktaten.
- Unfähigkeit zum Erlernen von Notenzeichen.
- Meiden von Großveranstaltungen (Partys, Fasching etc.).
- Bemerkungen wie "blaue 8", "rechteckiges Geräusch", "Farbe gehört" u. ä.
- Beim Schildern von Musikeindrücken Bemerkungen wie "gelbe Linie", "silberne Ringe", "blaue Röhre", "kurze Welle" o. ä.
- Übermäßige Schwierigkeiten mit dem Erlernen von Fremdsprachen bei ansonsten akzeptablen Zensuren.
- Sehr ruhig, introvertiert, in sich zurückgezogen, aber dennoch immer hilfsbereit und freundlich.
- Unwillkürliche Unterscheidung der Musikformate Audio, MP3, OGG-Vorbis allein durch das Hören.
- Häufige Vermittlung des Eindrucks vom Leben in einer Traumwelt.
- Wenn die Frage "Wie brummt eine Hummel?" mit "Braun" oder einer Farb- bzw. Formdarstellung beantwortet wird.
- Wenn ein sonst unauffälliges Kind ein Einzelgänger oder aber zu durchschnittlich ist ("Timothy-Paul-Effekt").
- Häufige Nachfragen bei Dingen, welche einem selbst völlig klar erscheinen.
- Wenn ein Kind immer mit den Gedanken woanders zu sein scheint.
- "Musiksüchtige" Kinder (auch Erwachsene!), auch bei den Hausaufgaben.
- Das Meiden greller Lichter (Neonreklame, Bildschirmspiele u. ä.).
- Herausragend bei Kreativität erfordernden Aufgaben.
- Anstelle von langsam besonders schnelle Auffassung mit Unterforderung.
- Ornamentreiche Gestaltungen von Schulbuchseiten oder/und Bänken.
- Vorgegebene Heftumschlag- oder Mappenfarben werden nicht akzeptiert bzw. eigenmächtig verändert.
- Ständig richtige Rechenwege, aber häufiger falsche Ergebnisse.
- Lesebegeisterung mit heimlichem Lesen unter der Schulbank während des Unterrichts.

     Wie bereits gesagt, es kommt nicht auf eine einzelne, temporär begrenzte Auffälligkeit an. Wenn aber ein Kind beständig etwa 30% (Erfahrungswert!) der o. a. Eigenheiten zeigt, dann spricht einiges für eine synästhetische Begabung. Nur, um das noch einmal klar zu stellen und um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, synästhetisch begabte Kinder überproportional zu fördern. Es geht vielmehr um die Wahrung der Chancengleichheit, denn aus schulischen Leistungen abgeleitete Schulempfehlungen sind bezeichnend für den gesamten, sich anschließenden Lebensweg. Die Folgen einer Falscheinstufung wären für das betroffene Kind auf Jahrzehnte hinaus fatal und daher lohnt es sich, einmal über das Gesagte nachzudenken. Ich meine, dass dies noch das Mindeste dessen ist, was man von jedem erwarten kann, der Verantwortung für Kinder trägt bzw. übernommen hat.
     Die vollkommen natürliche Fähigkeit der Synästhesie an sich kann sowohl Vor- wie auch Nachteile mit sich bringen. Das hängt immer vom Kontext ab. Man kann die Synästhesie aber auch durch Ignoranz zum Nachteil werden lassen!





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