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Die Alarmanlagen-Hypothese
(von Heinz Schmirl und Eckhard Freuwört)

Vorbemerkung: Die Alarmanlagen-Hypothese stammt ursprünglich von Heinz Schmirl. Ihre detaillierte Ausarbeitung nebst erstmaliger Publikation auf meiner zweiten HP oblag mir selbst im Jahr 1998 als Ergebnis einer jahrelangen Diskussion, zu der auch andere Betroffene sowie Fachärzte und Physiker ihre Meinung mit beisteuerten. Teile dieser Hypothese sind mittlerweile von den "Experten" übernommen worden (selbstverständlich ohne Nennung der Quellen wie es sich für gewisse "Eliten" gehört). Die hier gemachten Aussagen zur Alarmanlagen-Hypothese sind meine eigene Meinung. Diese deckt sich nicht in allen Punkten mit der von Heinz, weshalb wir z. T. noch immer recht kontrovers diskutieren. Die Version von Heinz findest Du unter dem obigen Link.

Zusammenfassung: Migräne ist nach den öffentlich zugänglichen Publikationen ein sehr weit verbreitetes Übel, an dem etwa 10 % der Bevölkerung leiden - Dunkelziffer und etwaige falsche Diagnosen der Schulmedizin noch nicht mitgerechnet. Eine derart hohe Verbreitung, die Kombination mit der Spezifizität der Migräne-auslösenden Faktoren sowie einerseits das Fehlen einer eindeutig genetisch bedingten Ursache, gleichzeitig aber das Auftreten der familiären Häufung von Migräne, legen den Verdacht nahe, dass es sich bei der Migräne nicht um eine Krankheit, sondern vielmehr um einen in irgend einer Form degenerierten Mechanismus handelt. Besonders mit Hinblick auf die Migräneauslöser (nicht jedoch auf die Migräne-Ursache, denn hier gilt es zu differenzieren) drängt sich der Eindruck auf, dass die Migräne mit einer erhöhten Sensibilität einher geht. Eine erhöhte Sensibilität wiederum könnte entwicklungsgeschichtlich früher einmal die Funktion einer "Alarmanlage" gehabt haben, um möglichst frühzeitig auf schädliche Umwelteinflüsse (Wetterwechsel, Gefahr, ungeeignete Nahrung, sonstige Einflüsse von Noxen - auch von flüssigen oder von gasförmigen wie z. B. bei Vulkanismus) reagieren zu können.
     Eine solche Reaktion müsste körperintern über hormonelle Regelkreise (also über das endokrine System) laufen und tatsächlich liegt ja auch ein gestörter Serotonin- (und damit Hormon-) Haushalt der Migräne als Ursache zugrunde. Die Alarmanlagen-Hypothese beschreibt zunächst modellhaft und später dann in biochemischer Hinsicht differenzierter, wie Migräne ausgelöst werden könnte, was beim Anfall im Körper geschieht bzw. geschehen könnte und wo folglich Ansatzmöglichkeiten für die Behandlung liegen. "Behandlung" ist hier allerdings nicht im Sinne der Beseitigung eines akuten Anfalls, sondern vielmehr vorbeugend als Verminderung von Anfallshäufigkeit und Anfallsstärke zu verstehen. Allerdings erachte ich es vorab erst einmal als absolut wesentlich, dass Du Dir sicher bist, Migräne zu haben - und nicht Cluster- oder Spannungskopfschmerz oder etwas in der Art. Infos zu diesen verschiedenen Schmerztypen findest Du bei der Schmerzklinik Kiel.

Die Hypothese:

Ein Gedankenexperiment als Ausgangspunkt: Stelle Dir eine völlig verschimmelte Scheibe Toastbrot vor - ungenießbar! Das hast Du aber nicht bemerkt, weil Du am frühen Morgen noch nicht so ganz wach warst und sich der Schimmel auf der anderen Seite der Toastbrotscheibe befindet. Verwandelt man das Ding jetzt aber mit dem Toaster in einen "Kokelburger", dann sieht man schon mal vom Schimmel nichts mehr. Riechen tut's nur noch irgendwie verbrannt. Also: 2 Sinnesreize schon mal getäuscht. Bleibt noch der Geschmackssinn. Also: Butter auf die halbverkohlte Platte, dann beispielsweise Erdbeermarmelade drüber, die als Krönung einen ordentlichen Hieb roten Lebensmittelfarbstoffs (das Auge isst mit!), künstliches Erdbeeraroma und Geschmacksverstärker enthält. 3 Sinnesreize getäuscht! Wer das jetzt isst (und vom Schimmel nichts weiß), mag vielleicht noch feststellen, das es zu "erdbeerig" und auch irgendwie komisch verbrannt schmeckt, es aber durchaus noch für genießbar halten. Dem Körper aber werden Giftstoffe zugeführt und er wird in irgendeiner Form darauf reagieren.

Das Schaltungsmodell: Was geschieht im Falle des obigen Gedankenexperiments? Im Hirnstamm (dem limbischen System) treffen 2 Informationen ein, nämlich
- Unterschwellig: schmeckt verschimmelt (= Achtung, ungenießbar!) und
- Überdeutlich: schmeckt nach Erdbeeren (= Gut, essbar und gesund!).
     Jetzt tritt das limbische System in Funktion und lässt den stärkeren der beiden sich absolut widersprechenden Reize vom Hirnstamm aus in das Großhirn durch. War nur leider der falsche Reiz. Und der Betreffende verkorkst sich den Magen. Die moderne Lebensmittelchemie und die Nahrungsmittelindustrie gehen ja leider nur allzuoft in ähnlicher Weise vor. Aber wo bleibt der schwächere, der "echte" Reiz? Ich bin geneigt zu glauben, dass es dadurch zur Migräneauslösung kommt. Diese Art der Auslösung lässt sich sogar sehr einfach durch eine ziemlich primitive elektronische Schaltung nachbilden, und zwar durch ein mit zwei Widerständen beschaltetes XOR-Glied:


Einfaches Schaltungsmodell


      Wie funktioniert das? Wir haben da zwei Eingangssignale a und b (bzw. zwei Reize "verschimmelt" und "OK"). Beide treffen auf das XOR-Gatter, welches im Schaltungsmodell dem limbischen System des Gehirns entsprechen soll. Das lässt den Strom nur dann durch, wenn einer der beiden Zustände in hinreichender Stärke, nicht jedoch beide, anliegt (= Impuls x zum Großhirn: "Essbar!"). Mal angenommen, der Impuls "ungenießbar" liegt nur knapp unterhalb der Schaltschwelle an. Dann wird "essbar" durchgelassen und "ungenießbar" über den Widerstand abgeleitet. Wodurch sich der Widerstand aufheizt - u. U. solange, bis er durchbrennt. Wenn beide Impulse "essbar" und "ungenießbar" gleich stark und oberhalb der Schaltschwelle auftreten, wird gar nichts mehr durchgelassen und beide Informationen finden ihre Ableitung über die Widerstände - solange, bis beide durchbrennen. Und was noch zusätzlich zu berücksichtigen sein dürfte: Sind die Widerstände unterschiedlich groß, dann erwärmen sie sich auch unterschiedlich stark. Durch die Stärke und Anzahl der Signalimpulse ergeben sich dann nahezu unendlich viele Zwischenstufen, welche im Falle der äquivalenten Migräne auch unendlich vielen verschiedenen Anfallsverläufen entsprechen könnten. Liegt hingegen nur einer (oder keiner) der beiden Eingangsimpulse vor, dann ist alles geregelt und in bester Ordnung.
      Wenn jetzt aber das XOR-Gatter dem limbischen System entspricht, dann entspricht auch der OUT-Teil (rechts vom Gatter) dem Großhirn und der IN-Teil, in dem es zum Durchbrennen kommt, (links vom Gatter) dem Hirnstamm. Im Hirnstamm sind die Raphe-Kerne lokalisiert, welche lt. Sacks (nachzulesen im Buch "Oliver Sacks: Migräne") aktiv an der Schmerzentstehung beteiligt sind. Im Klartext: Die vom Filter zurückgewiesene Information (ein vielleicht unbewusster, auf jeden Fall aber widersprüchlicher Sinnesreiz) führt zur Migräne. Liegen hingegen keine Information oder nur einander nicht widersprechende Einzelinformationen vor, dann ist alles in bester Ordnung (= Schmerzfreiheit). Lt. Sacks werden die Raphe-Kerne elektrisch stimuliert, was zur Schmerzwelle führt. Die Informationen von Sinnesreizen sind aber auch elektrische Stimulationen - und zwar im Hirnstamm, also dort, wo die Raphe-Kerne liegen!
      Und daraus lässt sich nun allein schon durch logische Überlegung einiges ableiten:
- Es muss im Hirnstamm wieder "Ordnung" hergestellt werden.
- So etwas geht nur, wenn einander widersprechende Reize vermieden werden.
- Da das Großhirn - weil nachgeschaltet - das nicht schafft, werden alle Reize vermieden.
- Die Folge sind Lichtempfindlichkeit, Abneigung gegen Nahrungsmittel, Ruhebedürfnis usw.
Kommt Dir das nicht irgendwie bekannt vor?
      Nach dieser Grundannahme (wobei mir durchaus bewusst ist, dass das Ganze in der Realität sehr viel komplexer ablaufen wird - aber die Schaltung ist ja eben auch nur ein Modell) liegt der Migräneauslöser also in einander widersprechenden, nicht korrekt ausgewerteten Informationen auf der Grundlage von beliebigen Sinnesreizen verborgen. Logischerweise besteht dann der nächste Schritt darin, zu definieren, welche Sinnesreize das sind. Und hier kommen Umweltchemikalien und eine ganzheitliche Betrachtungsweise mit ins Spiel - dazu einige Beispiele:
- Das Auge sagt "Die Schrankwand sieht gut aus". Die Nase hingegen "Es stinkt nach giftigem Formaldehyd".
- Die Zunge sagt "Der Honig schmeckt gut". Der Zellstoffwechsel hingegen "Die darin enthaltene Ameisensäure bringt mich durcheinander".
      Die Liste lässt sich sicherlich noch beliebig erweitern (Rauch, Wetter, erzwungene Rechtshändigkeit, Stressfaktoren ...). Immer jedoch hat man es mit zwei einander widersprechenden (Sinnes-) Informationen zu tun. Und das heißt: Alarm, da stimmt was nicht!
      Entsprechend arbeitet auch das Schaltungsmodell als Alarmanlage. Um als vollwertige Alarmanlage zu fungieren, benötigt das Schaltungsmodell lediglich noch eine kleine Erweiterung, nämlich einen Transistor, welcher den beiden Widerständen nachgeschaltet wird:


Erweitertes Schaltungsmodell

      Dieser Transistor dient als Verbraucher und nimmt einen Teil der Last, die zum Durchbrennen der Widerstände führen würde, als weiteren Steuerimpuls auf. Er verhindert damit nicht nur das Durchbrennen, sondern erzeugt stattdessen sogar einen dritten, nämlich einen "echten" Warnimpuls, der verschiedene Stärken annehmen kann. Was wir jetzt hier haben, ist gegenüber der erstgenannten 2-Punkt-Logik eine echte 3-Punkt-Logik (Fuzzy-Logik) mit den Schaltzuständen "Richtig", "Falsch" und "Vielleicht" (wobei "Vielleicht" unterschiedliche Größen annehmen kann und daher dem Warnimpuls entspricht). So etwas kommt den natürlichen Gegebenheiten doch schon weitaus näher, denn kein Lebewesen funktioniert nach den Gesetzen der 2-Punkt-Logik. Mit 2-Punkt-Logik lassen sich nämlich Assoziationen, Ähnlichkeiten, Gefühle u. ä. schaltungstechnisch nicht modellieren. Mit "unscharfer" 3-Punkt-Logik hingegen schon.
      Worauf ich hinaus will: Meiner Meinung nach sah die ursprüngliche "Alarmanlage" hinsichtlich der Funktion ähnlich diesem zweiten Modell aus und erzeugte keine Migräne, sondern statt dessen beispielsweise ein instinktives Ausspucken von potenziell ungeeigneter Nahrung (Stichwort "innere Stimme"). Im Laufe der Evolution - alles geriet in immer geordnetere Bahnen und die Warnfunktion wurde nicht mehr benötigt - verkümmerte der Mechanismus in Richtung auf das erstgenannte Modell. Das war auch korrekt. Dann nahm die Anzahl der auf engem Raum miteinander lebenden Menschen und gleichzeitig auch die Verschmutzung der von ihnen benutzten Umwelt zu. Die Alarmanlage wird also wieder benötigt, aber sie ist verkümmert und ihre Signale sind nicht mehr eindeutig. Damit kann das Stammhirn jetzt aber nichts Richtiges mehr anfangen und folglich kommt es zu einer indifferenten Art von Warnung - eben zur Migräne. In diesem Sinne wäre die "Alarmanlage Migräne" so eine Art von "kognitivem Fossil". Und wie kann man das Alarmanlagen-Schaltungsmodell jetzt wenigstens in groben Zügen auf die Biochemie des Körpers übertragen?

Auslösemechanismen: Migräniker sind sensibler als ihre Mitmenschen. Sie bemerken es, wenn sich jemand oder etwas von hinten nähert. Sie "riechen" einen Fehler. Sie wissen, ob bzw. wann das Wetter umschlagen wird. Sie hören oder bemerken Dinge, bevor andere sie hören oder bemerken. Sie spüren Spannungen und ungünstige/ ungesunde Bedingungen eher als der "Durchschnittsmensch". Sie sind die ersten, die bei "Grün" den Fuß auf die Staße setzen. Beim Umgang mit Tieren wissen sie normalerweise, wann sie welches Tier gefahrlos anfassen können bzw. ob das Tier veränstigt ist. Sie können im Sommer ohne Sonnenbrille das Haus nicht verlassen, weil die Augen sonst zu stark schmerzen. Sie verfügen über eine feinere Intuition im Erfassen von Situationen. Im Problemfall orientieren sie sich kurz - und handeln.
      In bestimmten Räumen fühlen sie sich unwohl - und erst viel später erfahren sie von einer dort vorliegenden Schadstoffbelastung. Im Umgang mit Menschen wissen sie instinktiv, wem sie trauen können und wer sie skrupellos ausnutzen würde. Auf unbekanntem Terrain finden sie anhand von fast unmerklichen Geländemerkmalen ihren Weg. Ihr Orientierungssinn ist besser als der anderer Leute. Bei Problemlösungen blicken sie grundsätzlich über den "Tellerrand" hinaus - ihr Denken ist komplexer als das von Leuten, die nur streng linear eine Richtung kennen und keine Folgen berücksichtigen. Auf geschmacklose Scherze reagieren sie sehr empfindlich und betrachten sie instinktiv als einen Akt der Aggression. Sie wissen nach dem ersten Bissen, ob mit einem Nahrungsmittel irgend etwas nicht stimmt. Zusammenhänge erschließen sich ihnen schneller bzw. leichter als anderen Leuten.
      Diese Auflistung lässt sich beliebig erweitern. Die erhöhte Wahrnehmung hatte in grauer Vorzeit klare Vorteile, denn eine erhöhte Sensibilität erhöhte die Überlebensfähigkeit - jedenfalls was unsere nomadisierenden Vorfahren betraf. Solche Menschen waren in der Wildnis eher in der Lage eine Gefahr zu wittern, ein Problem festzustellen, einen Wetterwechsel vorherzusagen oder ein Wild aufzuspüren. Deshalb wurden Menschen mit diesen Fähigkeiten von der Natur auch nicht ausgesondert - sie hatten vielmehr sogar einen Selektionsvorteil. Dann wurde der Mensch sesshaft. Plötzlich hatte er sich mit vielen von Seinesgleichen auseinander zu setzen. Plötzlich stürmten Empfindungen aller Art in Massen absolut unabgeschwächt und ohne den Filter der Entfernung auf ihn ein. Damit kehrte sich der Selektionsvorteil in sein Gegenteil um: Auf einmal waren diese Fähigkeiten kaum noch gefragt, ja sie führten sogar zu Problemen - zu Problemen durch Stress! Und aus den vom Selektionsvorteil betroffenen Personen waren auf einmal "verirrte Crocodile Dundees" geworden!
      Bei Stress setzen die Nebennieren Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol frei. Kortisol beeinflusst die Gehirnleistung direkt, indem es das Langzeitgedächtnis hemmt, womit dem Kurzzeitgedächtnis automatisch eine größere Bedeutung zukommt: Eine in Gefahrensituationen sehr sinnvolle Einrichtung, denn dadurch wird Ablenkung vermieden. Adrenalin und Noradrenalin beeinflussen den Stoffwechsel und den Kreislauf indem sie ihn aktivieren. Das Herz schlägt schneller, die Atemfrequenz schlägt höher, die Schweißproduktion wird in Gang gesetzt. Bis auf die Blutgefäße in der Skelett- und der Herzmuskulatur werden alle übrigen Gefäße verengt, so dass der Blutdruck steigt. In Leber und Muskeln werden durch die abgegebenen Hormone die Nährstoffreserven mobilisiert. Es kommt zum Abbau von Glykogen und Fett, so dass der Blutzucker und der Blutfettgehalt steigt. Alle Maßnahmen zielen darauf ab, den Körper auf die von ihm zu erbringende Höchstleistung vor zu bereiten.
      Bei gesteigerter Blutumlaufgeschwindigkeit (d. h. erhöhtem Blutdruck) werden jetzt die Muskeln optimal mit Sauerstoff und Nährstoffen, den Rohstoffen für den energieliefernden Atmungsprozess, versorgt. Jetzt kommt es zur Rückkopplung: Während sich der Urmensch in Richtung der pozentiellen Gefahrensquelle orientiert, aktiviert der Hypothalamus die Hirnanhangdrüse, auch Hypophyse genannt. Diese gibt daraufhin ein die Nebennieren aktivierendes Hormon an das Blut ab. Die Nebennierenrinde produziert auf Befehl der Hypophyse weitere Hormone. Sie hemmen Verdauungsprozesse und Sexualfunktionen um Energie zu sparen. Ferner sorgen sie dafür, dass vermehrt rote Blutkörperchen aus den blutspeichernden Organen in die Gefäße ausgeschwemmt werden. Es kann damit mehr Sauerstoff zu den Muskeln transportiert werden. Ebenso wird die verstärkte Bildung von Blutgerinnungsfaktoren bei gleichzeitiger Hemmung der Antikörperbildung gefördert.
      Der Körper hat jetzt alle seine Kräfte zur Bewältigung der Gefahren, oder wie wir heute sagen würden, Stress-Situationen mobilisiert. Der Kreislauf arbeitet auf Hochtouren; alle für die Abwehr der Gefahr wichtigen Organe sind optimal versorgt. Außerdem ist der Körper auf eventuelle Verletzungen vorbereitet. Der auf Höchstleistungen eingestellte Körper des Urmenschen ist jetzt zum Kampf oder zur Flucht bereit. Und wie reagiert der moderne Mensch?
      Eines jedenfalls ist ausgesprochen wichtig und bleibt daher fest zu halten: Der Mensch reagiert auf den äußeren Reiz mit einer vom Gehirn ausgehenden Hormonantwort, die seinen gesamten Körper betrifft.

Potenzielle Ursachen: Der Körper von hochsensiblen Menschen reagiert beständig mit der Stressantwort, d. h. er schüttet beständig Stresshormone aus. Wie wirkt sich das aus? Hormone agieren nie für sich allein, sondern immer zusammen mit anderen Faktoren und eingebunden in dynamische Regelkreise.
      So beeinflusst nach dem chemischen Massenwirkungsgesetz ("MWG") der pH-Wert die Löslichkeit von Substanzen. Der Normal-pH-Wert im Blut liegt zwischen pH 7,36 und pH 7,44 und wird u. a. im Rahmen der Blutgasanalyse (BGA) gemessen. Höhere pH-Werte werden als Alkalose und niedrigere als Azidose bezeichnet. Azidose entsteht u. a. durch eine schlechte Belüftung der Lunge (= schlechte Raumluft?), durch Überzuckerung (Diabetes), Eiweißstoffwechselstörungen und durch Nierenfunktionsstörungen. Bei der Alkalose liegt die Ursache beispielsweise in der Hyperventilation oder im ständigen Erbrechen (das man ja - leider! - kennt ...). Die Medizin verzeichnet Alkalose ferner als eine Störung des Hormonhaushalts. Das bedeutet, dass die Hormonkonzentrationen hier aufgrund des Blut-pH-Wertes nicht mehr in Ordnung sind.
      Was haben Chemikalien (z. B. Formaldehyd als Migräneauslöser) und Wetterwechsel oder Luftdruckschwankungen (die ja bekanntlich auch als Migräneauslöser fungieren können) gemeinsam? Was haben so hoffnungslos unterschiedliche und zur Behandlung eingesetzte Wirkstoffe wie eine Tasse schwarzer Kaffe mit Zitronensaft gemeinsam mit Asprin oder mit Ergotamin-Derivaten? Oder mit körperlicher Betätigung an der frischen Luft? Warum gibt es nachgewiesenermaßen eine familiäre Häufung der Migräne und warum lässt sich so etwas nicht an einem Gen fest machen? Auf den ersten Blick gibt es keine Gemeinsamkeiten - oder vielleicht doch?
      Der kleinste gemeinsame Nenner aller dieser Punkte ist so einfach und derart naheliegend, dass er leicht übersehen wird - alle angeführten Punkte beeinflussen den pH-Wert des Blutes. Auch die Nahrung beeinflusst ihn (Stichwort "Säure-Base-Haushalt" im Rahmen der Ernährung). Der pH-Wert des Blutes definiert die Löslichkeit von Stoffen und somit einerseits die Aufnahme der Schadstoffe und andererseits - möglichweise indirekt (s. u.) die Weiterleitung der Botenstoffe. Dies bedeutet keinesfalls, dass der Blut-pH die Ursache der Migräne ist. Vielmehr kommt ihm eine wichtige Funktion (ähnlich einem "Transporteur") für alle die (Boten-) Stoffe zu, die am Migränegeschehen beteiligt sein könnten.
      Es ist ferner zu berücksichtigen, dass der Abbau vieler Stoffe ebenfalls pH-abhängig verläuft. Nehmen wir mal als Beispiel die allseits (un)beliebten Flavo-Verbindungen (z. B. Farbstoffe im Rotwein). Flavo-Verbindungen (Flavonoide) sind in fast allen Pflanzen enthalten und passen daher als Auslöser sehr gut zur Alarmanlagen-Hypothese (= Alarm, wenn der Anteil in pflanzlicher Nahrung zu hoch ist). Die Flavonoide sind Phenol-artige Stoffe mit daran gebundenen Zuckern. Beim Abbau bilden sich u. a. giftige Phenole (die über Leber und Niere entgiftet werden, wobei die Löslichkeit der Metaboliten - und damit der Abtransport aus dem Körper - pH-abhängig ist und über das Blut erfolgt) und Zucker. Zucker werden durch Sauerstoff zur Säure aufoxidiert und beeinflussen nun ihrerseits den pH-Wert.
      Der Stoff-Abbau selbst (die so genannte Metabolisierung) - und vor allem auch der Abbau der als Migräneursache vermuteten Hormone! - geschieht durch Enzyme. Enzymatische Reaktionen aber wiederum verlaufen extrem pH-abhängig und nur in einem sehr engen Bereich (vergleichbar mit der pH-Spanne im Blut) - d. h., wenn ein ungünstiger pH-Wert vorliegt, dann funktionieren sie nicht, weil sie inaktiv werden. Dann verzögert sich u. U. auch der Giftstoffabbau und die Giftstoffkonzentration steigt - ebenfalls eine Möglichkeit zur Anfallsauslösung. Und gleichzeitig liegen die Hormonkonzentrationen aufgrund eines gestörten Regelkreises auch nicht mehr im optimalen Bereich.
      Enzyme besitzen meist nur eine geringe Toleranz gegenüber Veränderungen des pH-Wertes innerhalb eines Reaktionsmilieus. Jedes Enzym hat einen typischen optimalen pH-Bereich, in dem es eine hohe Enzymaktivität aufweisen kann. Der veränderte pH-Wert wirkt sich auf die Struktur des Substrates derart aus, dass eine Bindung an das Enzym nicht mehr möglich ist. Die Änderungen des pH-Wertes führen im aktiven Zentrum des Enzyms zu einer Ionisierung von Atomen bzw. Atomgruppen und damit zu einer Beeinträchtigung der Bindung von Enzym und Substrat. Durch den veränderten pH-Wert kommt es zu einer strukturellen Beeinflussung eines Cofaktors, so dass dadurch die katalysierte Reaktion beeinträchtigt wird. Als Folge davon beeinflussen Enzyme die Konzentration von Hormonen (Beispiel: Das Enzym N-Acetyltransferase bewirkt den Umbau von Serotonin in Melatonin). Dies kann zu pH-Schwankungen führen, so dass eine Rückkoppelung auf die Enzymaktivität vorliegt. In diesem Fall hat sich ein sogenannter "Enzymatischer Oszillator" gebildet. Und ein enzymatischer Oszillator kann prinzipiell einen anderen Oszillator antreiben - sprich: einen anderen hormonellen Regelkreis beeinflussen. Auf und ab, auf und ab - wie bei der berüchtigten Wochenendmigräne.
      Gehen wir jetzt noch weiter. Die Enzyme wirken immer auf eine ganze Substanzgruppe. Als Beispiel sei ADH (= das Enzym Alkoholdehydrogenase) genannt, welches Alkohole jedweder Art abbaut. Geschieht der Abbau schnell, dann bildet sich eine hohe Metabolitenkonzentration. Die Metaboliten wiederum beeinflussen den pH-Wert und damit indirekt die Löslichkeit der "Reststoffe" im Blut - wie z. B. der Botenstoffe, anderer (Stoffwechsel-notwendiger) Enzyme usw. Wir haben es hier also mit mehreren miteinander rückgekoppelten Prozessen zu tun, die alle pH-abhängig funktionieren.
      Irgendwo im Verlauf des "Einregelns" (bei zu niedrigem oder bei zu hohem Blut-pH-Wert) gäbe es dann einen Bereich oder - wahrscheinlicher! - mehrere Bereiche (definiert durch Blut-pH und durch Botenstoff- sowie durch Metabolitkonzentrationen), in dem eine bestimmte Botenstoffgruppe - die Prostaglandine - auf die die Schmerzrezeptoren wirken, so dass letztere aktiviert werden. Diese Bereiche können von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein und es können auch bei ein und der gleichen Person - je nach Anfangsbedingungen - unterschiedliche Bereiche infrage kommen (das würde auch erklären, warum bei der gleichen Person verschiedene Migräneanfälle verschiedene Verläufe aufweisen können). Und es würde auch die widersprüchlichen Angaben der Fachliteratur zum Einfluss von Serotonin und anderen Botenstoffen auf das Migränegeschehen erklären.
      Was ist Blut chemisch gesehen? Eine Dispersion von Partikeln (Blukörperchen) in einer wässrigen Lösung (Serum), in der alle möglichen Stoffe gelöst sind - auch Gase (was mit Hinblick auf Innenraumschadstoffe und auf den Einfluss von Bewegung im Freien auf das Migränegeschehen bemerkenswert ist). Die Stoffe (Metaboliten ebenso wie Botenstoffe, also Hormone) befinden sich in einem dynamischen Gleichgewicht und d. h., ihre Konzentration ist nicht statisch oder konstant, sondern die Konzentration des einen Stoffs hängt von der Konzentration des anderen ab. Könnte hier das Verhältnis verschiedener Stoffkonzentrationen zueinander im Migränegeschehen (vorzugsweise bei der Auslösung) eine Rolle spielen? Und die verschiedenen Konzentrationen wiederum beeinflussen den Blut-pH-Wert. In Ruhephasen beispielsweise sinken die Konzentrationen von Stresshormonen wie z. B. Adrenalin oder Noradrenalin drastisch ab und der pH pendelt sich um den Mittelwert herum ein.
      Vom Mittelwert des pH-Wertes ist es nur ein kleiner Schritt bis über die "normale" Grenze (= Auslösung?). Vom anderen Ende der im Körper vorhandenen pH-Spanne ist der Schritt doppelt so groß. Im letzteren Fall könnte der Kontakt mit einem Auslöser durchaus im Sande verlaufen (= ausgeregelt werden). Im ersten Fall hingegen nicht. Woraus aber auch folgt, dass zur Behandlung eher ganzheitlich wirkende Methoden infrage kommen und keinesfalls die von Zeit zu Zeit immer mal wieder auftauchenden "Radikalkuren".
Arterien

Arterielle Versorgung im Gehirn

      Kommen wir aber jetzt nochmal auf Stress zurück - diesmal jedoch nicht als Migräneauslöser, sondern vielmehr als Migräneursache betrachtet. Die Stressreaktion wird auch durch Umweltgifte (Formaldehyd, Ozon u. a.) ausgelöst und bewirkt die Adrenalin-Freisetzung. Adrenalin als Stresshormon beeinflusst die Verdauung und hier u. a. die durch die Pylorusdrüsen gesteuerte Säuresekretion des Magens, wobei Histamin lokal als Vermittler beteiligt ist. Gleichzeitg verstärkt Adrenalin den venösen Rückfluss des Blutes, so dass das Gleichgewicht zwischen arteriellem Zufluss und venösem Rückfluss beeinträchtigt wird. Eine zusätzliche Beeinflussung der Blutgefäße - je nach Körperteil bzw. Organ unterschiedlich - geht vom Noradrenalin aus (welches ja ebenfalls zu den Stresshormonen zählt). Gleichzeitig aber ist das Noradrenalin auch ein Neurotransmitter und d. h. für die Übermittlung der Nervenimpulse zuständig. Der Noradrenalin-Spiegel wird durch das Enzym MAO (Monoaminooxidase) pH-abhängig reguliert.
Histamin

Histamin

      Soviel zum Stress-Einfluss. Es bleibt festzuhalten, dass dadurch über das endokrine System die Weichen für den späteren Migräneanfall grundsätzlich gestellt werden können. Doch was ist mit anderen Einflüssen wie beispielsweise mit der allseits bekannten Unverträglichkeit gegen bestimmte Nahrungsmittel? Hier könnte das bereits oben erwähnte Histamin eine wichtige Rolle spielen - bewirkt doch bei der allergischen Reaktion vom Typ I die Anflutung eines Allergens u. a. die Freisetzung von Histamin (und auch von Serotonin) als Mediatoren (Vermittler).
      Histamin ist ein körpereigener Botenstoff (Gewebshormon) und gehört genauso wie z. B. Serotonin zu einer Gruppe von Eiweißsubstanzen, die unter dem Begriff "biogene Amine" in der Fachliteratur bekannt ist. Bei diesen Substanzen handelt es sich um niedermolekulare Verbindungen, die im Tier- und Pflanzenreich weit verbreitet sind. Histamin findet sich auch in verschiedenen Nahrungsmitteln und kann von der Seite her Unverträglichkeitsreaktionen auslösen. Ein erheblicher Teil nahrungsmittelinduzierter Unverträglichkeitsreaktionen ist nicht durch Allergien bedingt, sondern sind Intoleranzreaktionen ohne Beteiligung des Immunsystems. Viele unserer alltäglichen Nahrungsmittel, etwa Käse, Tomaten oder Wein, können erhebliche Mengen an Histamin enthalten, jener Substanz also, die bei allen echten Soforttypallergien als Hauptmediator die zentrale Rolle spielt. Die Aufnahme von exogenem Histamin durch die Nahrung kann bei zahlreichen Menschen entweder konstitutiv oder etwa als Folge der Einnahme von Medikamenten zum vielfach chronischen und in der Praxis oftmals unerkannten Krankheitsbild der Histamin-Intoleranz führen. Das Spektrum der möglichen Symptome reicht von Rhinitis, Hypotonie, Colitis und rezidivierender Diarrhö bis hin zu Histamin-Kopfschmerz, Herzrhythmusstörungen, Asthma und Menstruationsbeschwerden. Hier einige Beispiele für die Histamin-Konzentration in Lebensmitteln:

Fisch   Käse  
Thunfisch <0.1-1300 mg/kg Emmentaler <0.1-555 mg/kg
Sardine 110-1500 mg/kg Quargel 390 mg/kg
Sardellen 176 mg/kg Gouda 29.5-180 mg/kg
    Gorgonzola 158 mg/kg
Gemüse   Tilsiter 50-60 mg/kg
Sauerkraut 6-200 mg/kg Camembert 35-55 mg/kg
Spinat 38 mg/kg Cheddar 34 mg/kg
Tomaten (Ketchup) 22 mg/kg Monte Nero 19 mg/kg
Wurst   Essig  
Osso collo <0.1-318 mg/kg Rotweinessig 4000 mg/l
Salami <0.1-279 mg/kg    
Westf. Schinken 38-159 mg/kg Schokolade sollte ebenfalls gemieden werden  
Knappseer 94 mg/kg Lakritz ist häufig gefährlich  
Heurigensalami 50 mg/kg    
Getränke      
Rotwein 60-3800 mg/l    
Champagner/Sekt 15-78 mg/l    
Dessertwein 80-400 mg/l    
Bier 21-305 mg/l    
Weißwein 3-120 mg/l    

      Rot dargestellt sind meine eigenen Auslöser - auffällig dabei ist, dass es sich um Lebensmittel mit gleichzeitig hohem Flavonoidanteil handelt.
      Im Körper lagert Histamin in speziellen Speichern, den sogenannten Mastzellen. Kommt es nun zu einer Störung der miteinander verzahnten hormonellen Regelkreise oder zu einer Mastzellenzerstörung durch einen äußeren Einfluß (Verletzung, Vergiftung), dann schütten die Mastzellen die Botenstoffe aus. So steigen Histamin- und Serotoninspiegel an (Veloso/ Kumar/ Toth). Durch das Histamin wird eine Gefäßerweiterung im Gehirn verursacht, da Histamin stark gefäßdehnende Eigenschaften besitzt, welche auch pharmakologisch genutzt werden (lt. MSD-Manual). Gleichzeitig steigt der Acetylcholinspiegel im Liquor cerebrospinalis an (Kunkle). Im synaptischen Spalt spielt Acetylcholin neben Kalzium die entscheidende Rolle bei der Übertragung der Nervenimpulse von Zelle zu Zelle: Ohne diese Substanzen kommt die Impulsübertragung zum Erliegen. Acetylcholin wird im synaptischen Spalt schnell abgebaut. Das Enzym Acetylcholinesterase spaltet Acetylcholin in Acetat und Cholin. Diese enzymatische Reaktion ist stark pH-abhängig.
Cranium-Arterie

Arterielles Blutgefäß im Gehirn


Der Migräneanfall: Außerdem scheint der Serotoninspiegel erst hoch zu sein, dann stark abzufallen; und der Abfall des Serotoninspiegels scheint den Kopfschmerz zu bedingen oder mit ihm einher zu gehen. Serotonin aktiviert dabei im Zusammenspiel mit dem Acetylcholin zwar die Schmerzrezeptoren, löst aber noch keinen Schmerz aus - vielmehr gilt Serotonin als der Neurotransmitter zentraler Neurone wie z. B. der Raphe-Kerne, von denen ja die SD - die Schmerzwelle - ausgeht. Um die Schmerzwelle auszulösen, sind bei den durch Serotonineinfluss aufnahmebereit gemachten Rezeptoren noch die stets im Blut vorhandenen Prostaglandine erforderlich. Bei den Prostaglandinen handelt es sich um die eigentlichen "Schmerzhormone". Sie wirken erst dann funktionell, wenn sie auf die vom Serotonin "scharfgemachten" Schmerzrezeptoren treffen.
      Serotonin wird nun einerseits ebenfalls enzymatisch abgebaut und wirkt andererseits der Histamin-bedingten Gefäßerweiterung entgegen; jedoch bewirkt die Gefäßerweiterung schon rein mechanisch eine Konzentrationserniedrigung. Dazu ein Beispiel: In einem geschlossenen Gefäß befindet sich eine bestimmte Gasmenge und d. h., auch eine bestimmte Anzahl von Molekülen. Wird das Gefäß jetzt vergrößert, dann sinkt die Molekülanzahl pro Volumeneinheit automatisch, da die gleiche, begrenzte Gasmenge jetzt einen größeren Raum ausfüllen muss. Mit dem Serotonin dürfte es sich sehr ähnlich verhalten. Durch das Serotonin verengen sich die Gefäße wieder, wobei dieser Botenstoff verbraucht wird. Ein partieller Serotoninmangel ist die Folge. In diese Lücke stoßen die Prostaglandine.
      Es wird durch die Gefäßverengung die Durchblutung und damit auch die Sauerstoffzufuhr vermindert. Als Reaktion darauf weiten sich bestimmte Arterien erneut, um eine bessere Versorgung sicherzustellen und das Spiel beginnt von vorn. Wie reagieren die Zellen der Gefäße auf so einen (plötzlichen) Schwankungszustand der Botenstoffe in Kombination mit der "mechanischen" Beanspruchung? Naheliegend wäre es, dafür eine örtlich begrenzte Entzündungsreaktion in den Wandungen intrakranieller Arterien (Moskovitz/ Diener, Wolff) anzunehmen.
      Im Verlauf des Prozesses könnte es zur Aura kommen. Zu diesem Zeitpunkt aber feuern bereits die Raphe-Kerne im limbischen System, wobei deren Impulsweiterleitung durch den erhöhten Acetylcholin-Spiegel begünstigt wird. In Folge rollt die Schmerzwelle und nicht nur das: Auch das Brechzentrum im Stammhirn wird sowie die Signalverarbeitung im limbischen System werden beeinflusst. Übelkeit und Hypersensibilität sind die Folge, denn jetzt wird jeder Reiz ungefiltert durchgelassen. Die gesamte Sensorik (und u. U. auch die Motorik) geraten durcheinander, Mikropsie- und Makropsie-Sehen sind nur einige der Folgen - bis hin zur Bewusstlosigkeit, deren Sinn durchaus darin bestehen könnte, dass das Gehirn die "Notbremse" durch "Totstellen" zieht.
Migräneanfall


Fazit und Folgerungen für die Behandlung: Nach der Alarmanlagen-Hypothese handelt es sich bei Migräne um eine überschäumende, hochkomplexe Reaktion des endokrinen System (Hormonsystems) auf bestimmte, widersprüchliche und daher potenziell Gefahr signalisierende Sinnesreize. Diese Reize sind die Auslöser und es müssen immer mehrere Auslöser simultan auftreten. Sie können ihre Ursache sowohl im soziologisch-psychischen Bereich wie auch im (bio)chemischen Bereich haben. Die darauf folgende Reaktion selbst hat ihre Wurzeln in der geschichtlichen Entwicklung des Menschen, wobei eine gesteigerte Sensitivität früher einmal einen Vorteil bedeutet haben mag. Migräne hat dabei zwei Gesichter, nämlich ein aktives und ein passives. Der aktive Teil dient dazu, schädliche Einflüsse schnellstmöglich wieder loszuwerden (z. B. Ausschwemmen durch Diurese oder durch Erbrechen). Der passive Teil (Aura, Schmerz) bewirkt ein "Sich-Zurückziehen" bzw. "in-Deckung-gehen". Beides mag für einen Urmenschen einmal sehr nützlich gewesen sein, wenn die Reaktion auf den Sinnesreiz unmittelbar erfolgte. Nach der Alarmanlagen-Hypothese ist diese Reaktion im Verlauf der Jahrhunderttausende jedoch degeneriert - der Reiz als Auslöser kommt, aber die Reaktion darauf erfolgt verzögert und unangemessen. Eines ist wirklich bemerkenswert: Biogene Amine - sowohl körpereigen wie auch mit der Nahrung aufgenommen - scheinen im Migränegeschehen eine Schlüsselrolle zu spielen. Könnte unter diesem Gesichtspunkt die Migräne nicht eine Reaktion auf ein Aminungleichgewicht sein? Ist die "Alarmanlage" an dieser Stelle dejustiert, sprich: Zu empfindlich geworden? Oder sind die Nichtmigräniker evolutionär betrachtet nur unempfindlicher geworden?
      Für die Behandlung bedeutet dies, dass es - da es sich um ein sehr komplexes Geschehen handelt - niemals ein einzelnes "Wundermittel" zum Kurieren der Migräne geben kann. Vielmehr wird es immer verschiedene Mittel geben, die pharmakologisch an verschiedenen Stellen des Geschehens ansetzen können - aber nicht müssen und die somit von Mensch zu Mensch auch unterschiedlich wirksam sind. Ob der Ansatz gelingt, hängt wahrscheinlich sehr stark vom richtigen Zeitpunkt ab. Wenn der Zeitpunkt des Eingreifens korrekt gewählt wird, dann kann auch durch bestimmte Verhaltensweisen (Aktivität im Freien u. ä.) die körpereigene Chemie dahingehend beeinflusst werden, dass Medikamente in diesem einzelnen Fall möglicherweise überflüssig sind. Den richtigen Zeitpunkt und die richtige Reaktion auf die beginnende Migräne zu finden, ist jedoch von Mensch zu Mensch und von Anfall zu Anfall verschieden, da die Ausgangsbedingungen niemals die Gleichen gewesen sind (= chaotische Bedingungen im mathematischen Sinne) - mithin also reine Glückssache.
      Was bleibt also neben der Behandlung des akuten Anfalls noch übrig? Betrachten wir dazu noch einmal das Schaltungsmodell, und zwar diesmal nur die zweite Grafik (die mit dem Transistor). Eine Möglichkeit besteht darin, die Eingangsimpulse gar nicht erst auflaufen zu lassen. Dies kann geschehen, indem man (z. B. per Migränetagebuch) die persönlichen Auslöser kennen und vermeiden lernt. Nun ist das mit dem Vermeiden aber so eine Sache - bei bestimmten Nahrungsmitteln mag es ja noch angehen, aber Wetterwechseln oder Umweltgiften wird man kaum entkommen können. Gemäß der Alarmanlagen-Hypothese ist es aber wahrscheinlich, daß mehrere Auslöser und ein ganz bestimmter, irgendwo "aufnahmebereiter" Zustand des Körpers zusammen kommen müssen, damit sich der Migräneanfall entwickelt. Vielleicht genügt es daher schon, eine dieser Bedingungen nicht zu erfüllen, um dem Anfall zu entgehen?
      Und angenommen, alle individuellen Bedingungen für einen Migräneanfall sind zusammengekommen. Dann würde im Schaltungsmodell ein Abschalten der Stromversorgung des XOR-Gatters bewirken, dass nichts passiert. Im biochemischen Sinne käme dieses "Abschalten" einer Beeinflussung des vegetativen Nervensystems gleich. So etwas ist bewusst einerseits durch Schlaf, andererseits durch (starke) körperliche Aktivität oder aber auf dem Wege des autogenen Trainings möglich. Und dann gäbe es noch eine letzte Möglichkeit. Dem aufmerksamen Betrachter mag viellieicht aufgefallen sein, dass ich die Widerstände in der zweiten Schaltungsvariante als variable Widerstände eingezeichnet habe. Bei variablen Widerständen besteht nämlich die Möglichkeit, die Schaltung "Alarmanlage" nachzujustieren. Man könnte also versuchen, auch die "Alarmanlage Migräne" wieder in den ursprünglichen Urzeit-Zustand zurück zu versetzen. Gerade in der heutigen Zeit wäre es u. U. von Vorteil, wenn die Menschen sensibler mit ihrer Umwelt umgingen, indem sie frühzeitig gewarnt werden, wenn etwas potenziell gefährlich ist. Allerdings habe ich keinen Vorschlag, wie dieses "Nachjustieren" vonstatten gehen könnte - aber wäre nicht gerade das eine lohnendere Aufgabe für die Schulmedizin als das Beharren auf dogmatisierten Standpunkten und das "Herumdoktern" an Symptomen?

Offene Fragen: Es gibt im Verlauf des Migränegeschehens ein paar offene Fragen. Nämlich diese:
- Wie oft und wo überall kommt es wohl zur Aufnahme von "versteckten" Giftstoffen - wenngleich auch vielleicht nicht in so extremer Form wie dargestellt?
- Warum wohl reagiert man auf scheinbar gleiche Bedingungen mal mit und mal ohne Migräne? Warum ist der eine Anfall erträglich und warum wächst sich der andere zum Horrortrip aus?
- Könnte öeine Rückkoppelung des Ausgangssignals auf den Eingang so etwas wie den &"status migraenicus" herbei führen oder/ und eine einfache Störung zum Migräneanfall aufschaukeln? Dann sollte sich die Migräne behandeln lassen, indem man die Signale beeinflusst, z. B. durch Autogenes Training oder durch Desensibilisierung.
- Halten sich Migräniker eigentlich im Vergleich zu anderen Menschen überdurchschnittlich oft in der freien Natur auf? Und meiden sie vielleicht mehr als andere große Menschenansammlungen? Bevorzugen sie das Leben auf dem Lande oder in der Stadt?
- Stress beeinflusst über Hormone den ganzen Körper - Kreislauf, Verdauung, Gefäße, Gehirn. Was wird bei Migräne beeinflusst?
- Zum Thema Stresshormone: Ist die berüchtigte "Wochenendmigräne" etwa eine Reaktion auf das Fehlen eines "gewohnten" Hormonspiegels? Und zum Thema Nierenfunktionsstörungen: Hat die häufig dem Migräneanfall vorausgehende Diurese hier einen Einfluss? Entsteht Alkalose als Folge des ständigen Erbrechens bei einem Migräneanfall? Fährt der Blut-pH-Wert im Verlauf des Migränegeschehens Achterbahn, wenngleich auch nur in einem kleinen Bereich? Welchen Einfluss hat Azidose auf die Ausschüttung von Stresshormonen?
- Kann es nicht zur Migräne führen, wenn einer oder mehrere Prozesse gestört sind (was zwangsläufig mit einer pH-Änderung im Blut einhergehen müsste)? Kann der Prozess des erneuten "Einregelns" (indirekt über die Schwankung von Hormonkonzentrationen) zur Migräne führen? Welchen Einfluss hat die Metabolitenkonzentration auf das Migränegeschehen?
- Besteht beim Stress ein Zusammenhang mit der "Wochenendmigräne"? Braucht der Migräniker vielleicht ein gewisses Mindestmaß an Stresshormonen, mithin also einen gewissen "Mindeststress"? Das ürde auch erklären, warum körperliche Aktivität manchmal gegen den Anfall hilft (wenn er noch nicht zu weit fortgeschritten ist).
- Welchen Einfluss hat der Blut-pH auf die Blutgefäße? Gibt es über den Einfluss des Stresshormons auf die Verdauung einen Zusammenhang mit der Übelkeit und dem Erbrechen während des Migräneanfalls?
- Werden mit einer Stressreaktion als Antwort auf Umweltgifte die Weichen für den späteren Anfall gestellt?
- Setzen bei einem Ungleichgewicht von Neurotransmittern eventuell die MAO-Hemmer an? Noradrenalin wird durch das Enzym Monoaminooxidase (MAO) abgebaut. Die MAO-Hemmer hemmen diesen Abbau.
- Wären mit einem Ungleichgewicht von Neurotransmittern nicht schon mal zwei verschiedene und jeweils für sich dogmatisierte Standpunkte der Schulmedizin - nämlich Veloso/Kumar/Toth auf der einen und Kunkle auf der anderen Seite - miteinander vereint? Und passen nicht B. T. Hortons Histamin-Theorie sowie die Serotonin-Untersuchungen von Woolley und Sicuteri hervorragend dazu? Würde dies mit Blick auf die Übertragung von Nervenimpulsen den Einfluss von Milchprodukten (Kalzium-haltig) bei manchen Verläufen erklären? Löst der Acetylcholinanstieg durch Erregung der Raphe-Kerne im limbischen System (vgl. Sacks) die SD aus?
- Setzen bei der enzymatischen Reaktionen eventuell die Serotonin-Antagonisten (Triptane) an, indem sie einen hohen Serotonin-Spiegel von vornherein zu verhindern versuchen? Und inwieweit wirken Schmerzmittel hemmend auf die Prostaglandine?
- Setzen beim Serotonin eventuell die MAO-Hemmer an? Serotonin wird (genauso wie zuvor bereits das Noradrenalin) durch das Enzym Monoaminooxidase (MAO) abgebaut. Die MAO-Hemmer hemmen diesen Abbau.
- Sind beim Serotoninmangel und den in diese Lücke stoßenden Prostaglandinen nicht wieder zwei Dogmen der Schulmedizin - wenngleich auch in z. T. variierter Form - in der Alarmanlagen-Hypothese enthalten? Deckt sich hier die Alarmanlagen-Hypothese nicht mit der Latham-Theorie? Und: Wirft die Schulmedizin mit ihren Dogmen u. U. Ursache und Wirkung durcheinander? Selbst für den Betroffenen ist es ja kaum m&öglich, exakt zu sagen "jetzt beginnt der Anfall".
- Ist bei einer überschäumenden, hochkomplexen Reaktion des endokrinen System vielleicht eine Desensibilisierung möglich, indem man sich den Auslösern immer dann bewusst aussetzt, wenn nicht alle Bedingungen erfüllt sind? Und welche Bedingungen sind das im ganz individuellen Einzelfall? Und wie ermittelt man die?
- Die Schmerzwelle wird nach Milner, Lauritzen und Welch als SD bezeichnet und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von schätzungsweise 50 µm pro Sekunde durch das Gehirn. Bleibt es "nur" bei einer Welle? Dahlem schreibt im "European Journal of Neuroscience" wörtlich: "At the plateau of the SD attack, the affected neurons are in a state which makes their participation in signal processing highly unlikely." Ist das die Hypersensibilität, weil die Signale von Sinnesreizen nicht mehr verarbeitet werden können?
      Alle diese Fragen können mit der Alarmanlagen-Hypothese ihre Antwort finden. Deswegen ist es durchaus lohnenswert, diesen Ansatz mit Blick auf eine Behandlung oder, besser, Vermeidung von Migräne weiter zu verfolgen.





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